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Existenzphilosophie: B) Sachtext

Diese Seite will ausgewählte Kapitel aus dem grundlegenden Buch von O.F. Bollnow [Existenzphilosophie, Stuttgart (Kohlhammer) 1949] für den Unterricht erschließen. Dazu verfährt sie doppelgleisig: A) Zitate von Kierkegaard, Heidegger, Japers und Rilkie, die als Diskussionsgrundlage und Einstieg in ein Teilthema dienen, B) Interpretierende Exzerpte und Zusammenfassungen aus Bollnow. Beide Abschnitte sollen miteinander verlinkt werden.
[Alle Zitate sind aus Bollnow übernommen].

 

II. Der existierende Denker III. Die existentielle Erfahrung IV. Der Begriff der Existenz
V. Das Verhältnis zur Welt VI. Mensch und Gemeinschaft VII. Situation und Grenzsituation
  1. Der existierende Denker
    1. Der Existenzbegriff gründet im "existentiellen Erleben". Der traditionelle Begriff der "essentia" gibt das Was-sSein, das wesensmäßige So-Sein eines Seienden an. "Existentia" bedeutet dagegen das bloße Da-Sein eines Seienden. Die Existenzphilosophie verändert den Begriff der Existenz in doppelter Hinsicht:
      • im Umfang: Einschränkung auf menschliche Existenz,
      • inhaltlich: Menschliches Dasein, insofern es aus existentiellem Erleben erwächst.
    2. Kirkegaards Begriff des "existierenden" Denkers ist zunächst ein Kampfbegriff gegen den "abstrakten" oder "systematischen" Denker der idealistischen Philosophie (Hegel). Das Denken des "existierenden" ("subjektiven") Denkers ist kein theoretischer Selbstzweck, sondern steht im Dienste seiner Existenz.
    3. Ausgangsstellung der Existenzphilosophie ist also:
      • die Unzulänglichkeit des Denkens vor den Widersprüchen der Wirklichkeit und
      • die Rückbeziehung des Denkens auf die Aufgaben , die aus dem Dasein des Denkenden selber erwachsen.

      Dabei ist das Denken in einschneidendem Sinn unzulänglich: Das "Paradox" menschlichen Lebens bezeichnet die hoffnungslose Unauflösbarkeit der Widersprüche, vor denen das Denken zum Scheitern verurteilt ist, und von denen es doch nicht ablassen kann, weil sie gerade mit den entscheidenden Fragen seines Daseins verbunden sind.

    4. "Existenz" im Sinnde des Existentialismus hat mit dem Begriff der äußeren (sozialen) Existenz nichts zu tun. Vielmehr meint "Existenz" ein letztes unbedingtes Zentrum des Menschen, an dem er "unendlich interessiert" sei (christlich: Sorge um das Seelenheil).
  2. Die existentielle Erfahrung
    1. Der letzte, innerste Kern, der mit dem Begriff der Existenz bezeichnet wird, liegt jenseits alles inhaltlich Angebbaren. Er wird spürbar, wenn der Mensch in geeigneten Augenblicken erfährt, dass alles, was in der natürlichen Lebenserfahrung zum Leben gehört, worüber man verfügt und was man irgendwie "hat" (selbst kulturelle Werte, geistige und sellische Anlagen, sittliche Tugenden u.ä.), verloren gehen kann, ohne dass dieser letzte innerste Kern darunter Schaden litte. Existenz besitzt nicht (wie das Leben) größere oder geringere Fülle, sie kann nur ganz gewonnen oder als ganze verloren gehen. Sie endet mit dem Tod.
    2. Wie die "negative Theologie" lehrt, dass jedes nur erkennbare Prädikat von Gott notwendig falsch sei, weil es als bestimmtes Prädikat seine Unendlichkeit verendlichen würde, lehrt auch die Existenzphilosophie, dass das, was im Menschen Existenz ist, nur dadurch deutlich werde, dass alle möglichen inhaltlichen Bestimmungen als unangemessen wieder zurückgenommen werden. Nur das in diesem "negativen" Verfahren Ausgesparte sei Existenz. Trozdem darf die existentielle Erfahrung weder mit Irrationalismus noch mit Mystik (statt Einswerden mit Gott oder Kosmos: Entfremdung und Zurückgeworfenwerden auf das isaolierte Ich) verwechselt werden.
    3. Existentialismus ist auch kein Nihilismus etwa in Analogie zur asiatischen Religiosität, die im Erlebnis des Nichts Erlösung sucht (vgl. Schopenhauer). Das existenzphilosophische Nichts bildet aber den unheimlichen Hintergrund (statt Erlösung) und führt zu höchster Anspannung (nicht zu Schau und reiner Passivität).
    4. Unanumo deutet den "Don Quijote" des Cervantes in eigenwilliger Weise um als den heroischen Menschen, der zum letzten, unbedingten Einsatz bereit ist und darum auf der Ebene der bürgerlichen Geborgenheit und Lebensklugheit als Narr und Phantast erscheint.
  3. Der Begriff der Existenz
    1. Bei der Unmöglichkeit jeder inhaltlicher Festlegung dessen, was Existenz ist, muss man entweder auf jede begriffliche Fassung verzichten (Jaspers) oder neuartige begriffliche Mittel entwickeln (Heidegger). Nach Heidegger zeichnet sich der Mensch in seinem inneren Kern dadurch aus, dass er seinem Wesen nach, das heißt in seiner essentia, Existenz sei (während sonst die essentia und existentia scharf getrennte Seinsmomente sind.
    2. Die erste und allgemeinste Bestimmung menschlichen Daseins ist die Fähigkeit, sich zu sich selbst zu verhalten. Wie in der Ebene des natürlichen Lebens mit dem Selbst immer zugleich schon eine Welt, so wird jetzt in der existentiellen Ebene mit der Existenz zugleich auch die Transzendenz erfahren. Die bei Heidegger immanente Bezogenheit des Selbst auf das eigene Sein bezeichnet er als "Sorge".
    3. Das Sein der Existenz "ist" Bezogenheit und nichts außerdem. Existenz ist ihrem Wesen nach kein in sich selbst ruhendes Sein, sondern weist auch bei Heidegger im "Überstieg" der Transzendenz über sich sich selbst hinaus auf ein anderes. Der Mensch hat diesen Bezug als eine über das Dasein hinausliegende Aufgabe zu leisten.
    4. "Dasein" bedeutet ebenfalls ausschließlich menschliches Dasein, bezeichnet aber nicht auszeichnend wie der Begriff der "Existenz" den Gipfel seiner erfüllten Möglichkeiten. Der Begriff "Dasein" steht werturteilsfrei neutral. Die Existenz stellt das Ziel dar, das zu verwirklichen dem Dasein als seine eigene Möglichkeit aufgegeben ist.
    5. Somit liegt ein extremer Dualismus in der Menschenauffassung vor. Er kann nicht schrittweise überbrückt werden, nur durch ausdrückliche Abkehr vom Zustand der Uneigentlichkeit.

     

  4. Das Verhältnis zur Welt
    1. Mit der Existenz ist notwendig schon immer eine Welt gesetzt, und ohne diese kann Existenz gar nicht begriffen werden. "Welt" umfasst dabei das Ganze der dem Menschen vorgegebenen Bedingungen, die der äußeren Welt und die des eigenen Lebens.
    2. Die Wirklichkeit hat einen fremden, widerspenstigen und "paradoxen" Charakter, an dem alles Denken hoffnungslos abprallt.
    3. Niemand hat dieses Gefühl äußerster Fremdheit überwältigender und zugleich verzweifelter ausgesprochen als Rilke.
    4. Welt schränkt menschliches Dasein wesensmäßig ein. Das In-der-Welt-sein bestimmt sich erst näher auf dem Boden der Endlichkeit als der schmerzlichsten Erfahrung von der Wesensgrenze allen menschlichen Wollens und Könnens.

     

  5. Mensch und Gemeinschaft
    1. Menschliches Dasein steht schon immer im lebendigen Zusammensein mit anderen Menschen.
    2. Mitsein mit anderen als Form der Verfallenheit. Erst in ausdrücklicher Abkehr davon vollzieht sich der Durchbruch zur Eigentlichkeit.
    3. Das "Man" bestimmt Heidegger in den drei Begriffen des Geredes, der Neugier und der Zweideutigkeit. Eigentlichkeit als der Vorgang des Sich-Abstoßens von der zuständlichen Uneigentlichkeit der Verlorenheit an Welt.
    4. Das menschliche Dasein hat die Neigung, an die Welt zu verfallen und damit seine eigentliche Existenz preiszugeben. . Welt nur sinnentleerter Hintergrund eigentlicher Existenz.
    5. Die Einsamkeit, in  der sich Existenz verwirklicht, ist nicht Verschlossenheit und Abglöstheit von den Mitmenschen, sondern fordert das Wagnis rückhaltloser Offenheit.
    6. Existentielle Gemeinschaft ist nur vom einzelnen einsamen Menschen zum anderen einsamen Menschen möglich und kann (im Gegensatz zur naturhaften oder gewohnheitsmäßigen Gemeinschaft) nur bestehen, soweit sie, wie die Existenz selbst, in jedem Augenblick neu errungen wird.

     

  6. Situation und Grenzsituation:
    1. Welt ist nicht nur beengender Hintergrund des Daseins, sondern zugleich die immer schon ganz bestimmte Konstellation der Umstände, die ganz bestimmte Welt, in die dieses Dasein sich gestellt findet und die durch ihre Bedrängnis Aktivität und Antwort verlangt.
    2. Der Mensch ist wesensmäßig einer Situation verhaftet, die ihn unentrinnbar als etwas Fremdes und Feindliches bedrängt. Dazu gehören auch seine innere Verfassung und Grundbefindlichkeit ("Stimmungen"). Die Grundsituation ändert sich beständig, die leidvolle Situationsverhaftetheit bleibt unaufhebbar.
    3. Einzelne Situationen lassen sich durch kluge Vorkehrungen meistern, andere allgemeine Tatbestände stehen als grundsätzlich unüberwindbare Schranken entgegen ("Grenzsituationen").
      Die Begrenzung liegt dabei nicht in der Unzulänglichkeit der äußeren Ordnung (gegen die man sich die Utopie einer besseren Welt ausdenken könnte), sondern bestimmt das innerste Wesen des Menschen (Verlorenheit, Geworfenheit, Verfallenheit an die Welt, Endlichkeit). An der Grenzsituation vollzieht sich die Verwirklichung eigentlicher Existenz.
Sententiae excerptae:
w44
Literatur:

2 Funde
3  Abbagnano, N.
Philosophie des menschlichen Konflikts. Einf├╝hrung in den Existentialismus
Hamburg 1957
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4273  Schwan, Alexander
Humanismus und Christentum
in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, TBd.19, (Herder) Freiburg, Basel, Wien, 1981
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