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Cicero: De finibus bonorum et malorum

Cicero: Vom höchsten Gut und größten Übel

Cic.fin.1,29-36

Nach Epikurs Lehre ist die Lust das höchstes Gut

 
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Exemplarischer Durchgang durch Ciceros Philosophischen Schriften (inspiriert von der Ausgabe von Oskar Weissenfels)
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Einzelstücke: Cic.Tusc.1,9-25 | Cic.fin.1,29-33 | Cic.Fin.5,9-11 |
 
Gesprächsteilnehmer sind neben Cicero der Epikureer L.Manlius Torquatus, der hier die Lehre Epikurs darstellt, und C.Valerius Triarius

Cicero: De finibus bonorum et malorum

Cic.fin.1,29-36

Epicurus summum bonum in voluptate ponit

 

Cicero: Vom höchsten Gut und größten Übel

Cic.fin.1,29-36

Nach Epikur ist die Lust das höchstes Gut

29,1
Certe, inquam, pertinax non ero tibique, si mihi probabis ea, quae dices, libenter assentiar."Wenigstens", sagte ich, "werde ich nicht eigensinnig sein und dir, wenn du mich von deinen Behauptungen überzeugst, gerne beistimmen."
29,2
Probabo, inquit, modo ista sis aequitate, quam ostendis. sed uti oratione perpetua malo quam interrogare aut interrogari."Ich werde dich überzeugen", erwiderte er; "nur musst du die Unparteilichkeit haben, die du mir versprichst. Doch möchte ich mich lieber eines ununterbrochenen Vortrags bedienen, als fragen und mich fragen lassen."
29,3
Ut placet, inquam. Tum dicere exorsus est (L. Manlius Torquatus)."Wie es dir beliebt!" versetzte ich. Hierauf begann er (L. Manlius Torquatus) seinen Vortrag.
29,4
Primum igitur, inquit, sic agam, ut ipsi auctori huius disciplinae placet: constituam, quid et quale sit id, de quo quaerimus, non quo ignorare vos arbitrer, sed ut ratione et via procedat oratio."Zuerst nun", sagte er, "will ich so verfahren, wie es der Stifter der Schule selbst für gut hält; ich will den Gegenstand und die Beschaffenheit unserer Untersuchung festsetzen, nicht als ob ich meinte, dies sei euch unbekannt, sondern damit sich mein Vortrag schulgerecht entwickelt.
29,5
quaerimus igitur, quid sit extremum et ultimum bonorum, quod omnium philosophorum sententia tale debet esse, ut ad id omnia referri oporteat, ipsum autem nusquam.Wir untersuchen also, was das äußerste und letzte Gut ist, das nach der Ansicht aller Philosophen von der Art sein muss, dass daraus alles andere bezogen werden muss, es selbst aber auf nichts anderes.
29,6
hoc Epicurus in voluptate ponit, quod summum bonum esse vult, summumque malum dolorem, idque instituit docere sic: Dieses findet Epikur in der Lust, und diese ist nach seiner Ansicht das größte Gut, sowie der Schmerz das größte Übel. Dies unternimmt er auf folgende Weise darzulegen:
30,1
Omne animal, simul atque natum sit, voluptatem appetere eaque gaudere ut summo bono, dolorem aspernari ut summum malum et, quantum possit, a se repellere, idque facere nondum depravatum ipsa natura incorrupte atque integre iudicante.Jedes lebende Wesen strebt sogleich nach seiner Geburt nach Lust und freut sich über sie als höchstes Gut; den Schmerz hingegen verabscheut es als das größte Übel und weist ihn soweit als möglich von sich; und dies tut es in einem noch nicht verdorbenem Zustand, wo das Urteil der Natur selbst unverfälscht und vorurteilsfrei ist.
30,2
itaque negat opus esse ratione neque disputatione, quam ob rem voluptas expetenda, fugiendus dolor sit.Daher sagt er, es bedürfe keiner Beweisführung noch wissenschaftlicher Erörterung, warum die Lust zu erstreben, der Schmerz hingegen zu meiden sei.
30,3
sentiri haec putat, ut calere ignem, nivem esse albam, dulce mel. quorum nihil oportere exquisitis rationibus confirmare, tantum satis esse admonere.Es sei Sache der sinnlichen Empfindung, meint er, zum Beispiel dass das Feuer heiß, der Schnee weiß, der Honig süß sei: lauter Dinge, die keiner Bestätigung durch tiefliegende Gründe bedürften; ein bloßer Hinweis genüge.
30,4
interesse enim inter argumentum conclusionemque rationis et inter mediocrem animadversionem atque admonitionem. altera occulta quaedam et quasi involuta aperiri, altera prompta et aperta iudicari. Denn zwischen einem Beweis und Vernunftsschluss und zwischen einer gewöhnlichen Bemerkung und einem Hinweis sei ein Unterschied; durch jene werde das Verborgene und gleichsam Verhüllte eröffnet, durch diese aber dass vor Augen Liegende und Offenbare beurteilt.
30,5
etenim quoniam detractis de homine sensibus reliqui nihil est, necesse est, quid aut ad naturam aut contra sit, a natura ipsa iudicari. ea quid percipit aut quid iudicat, quo aut petat aut fugiat aliquid, praeter voluptatem et dolorem?Denn weil nichts übrigbleibt, wenn man dem Menschen die Sinne wegnimmt, muss notwendigerweise die Natur selbst über das, was der Natur gemäß oder ihr zuwider ist, urteilen. Was anders empfindet oder erkennt sie an, weswegen sie etwas begehrt oder verabscheut außer Lust und Schmerz?
31,1
Sunt autem quidam e nostris, qui haec subtilius velint tradere et negent satis esse, quid bonum sit aut quid malum, sensu iudicari, sed animo etiam ac ratione intellegi posse et voluptatem ipsam per se esse expetendam et dolorem ipsum per se esse fugiendum.Indes wollen einige von unserer Schule diese Sätze gründlicher lehren, indem sie behaupten, zur Beurteilung, was gut oder was übel sein, genügten die Sinne nicht, sondern es lasse sich auch durch den Geist und den Verstand begreifen, dass die Lust an sich selbst zu begehren, der Schmerz hingegen an sich selbst zu meiden sei.
31,2
itaque aiunt hanc quasi naturalem atque insitam in animis nostris inesse notionem, ut alterum esse appetendum, alterum aspernandum sentiamus.Daher sagen sie, es liege in unserer Seele diese gleichsam natürliche und angeborene Vorstellung, dass das eine begehrenswert, das andere verabscheuenswürdig sei.
31,3
Alii autem, quibus ego assentior, cum a philosophis compluribus permulta dicantur, cur nec voluptas in bonis sit numeranda nec in malis dolor, non existimant oportere nimium nos causae confidere, sed et argumentandum et accurate disserendum et rationibus conquisitis de voluptate et dolore disputandum putant.Andere aber, und diesen stimme ich bei, sind der Ansicht, da von mehreren Philosophen sehr vieles angeführt werde, warum die Lust nicht unter die Güter zu zählen sei und der Schmerz nicht unter die Übel, so dürften wir uns nicht allzu sehr auf unsere Sache verlassen, sondern müssten eine Beweisführung und sorgfältige Erörterung anwenden und mit überall aufgesuchten Gründen die Frage über die Lust und den Schmerz besprechen.
32,1
Sed ut perspiciatis, unde omnis iste natus error sit voluptatem accusantium doloremque laudantium, totam rem aperiam eaque ipsa, quae ab illo inventore veritatis et quasi architecto beatae vitae dicta sunt, explicabo.Doch damit ihr einseht, woher jener ganze Irrtum derjenigen entstanden ist, die die Lust anklagen und den Schmerz preisen, so will ich die ganze Sache darlegen und eben das entwickeln, was jener Erfinder der Wahrheit und, ich möchte sagen, Baumeister des glückseligen Lebens gelehrt hat.
32,2
nemo enim ipsam voluptatem, quia voluptas sit, aspernatur aut odit aut fugit, sed quia consequuntur magni dolores eos, qui ratione voluptatem sequi nesciunt;Niemand nämlich verschmäht, hasst und flieht die Lust an sich, weil sie Lust ist, sondern weil es für die, die die Lust auf keine vernünftige Weise zu suchen verstehen, Schmerzen zur Folge hat.
32,3
neque porro quisquam est, qui dolorem ipsum, quia dolor sit, amet, consectetur, adipisci velit, sed quia non numquam eius modi tempora incidunt, ut labore et dolore magnam aliquam quaerat voluptatem.Ebensowenig gibt es hinwiederum einen Menschen, der den Schmerz an sich, weil er Schmerz ist, liebte, erstrebte und zu erringen wünschte, sondern weil zuweilen solche Umstände eintreten, dass man sich durch Mühsal und Schmerz irgend eine große Lust verschafft.
32,4
ut enim ad minima veniam, quis nostrum exercitationem ullam corporis suscipit laboriosam, nisi ut aliquid ex ea commodi consequatur?Denn, um ganz Geringfügiges anzuführen: Wer von uns unterzöge sich irgend einer mühsamen Leibesübung aus einem anderen Grund, als um dadurch deren Vorteil zu gewinnen?
32,5
quis autem vel eum iure reprehenderit, qui in ea voluptate velit esse, quam nihil molestiae consequatur, vel illum, qui dolorem eum fugiat, quo voluptas nulla pariatur?Und wer möchte mit Recht den tadeln, der eine Lust zu verspüren wünscht, die keine Beschwerden nach sich zieht, oder den, der einen Schmerz flieht, durch den keine Lust erzeugt wird?
33,1
At vero eos et accusamus et iusto odio dignissimos ducimus, qui blanditiis praesentium voluptatum deleniti atque corrupti, quos dolores et quas molestias excepturi sint, obcaecati cupiditate non provident;Hingegen klagen wir die an und achten Sie mit Recht hassenswert, die, durch die schmeichelnden Reize augenblicklicher Sinnengenüsse bezaubert und verführt in der Verblendung ihrer Leidenschaft nicht voraussehen, welche Schmerzen und Beschwerden sie sich zuziehen werden.
33,2
similique sunt in culpa, qui officia deserunt mollitia animi, id est laborum et dolorum fuga.Und in gleicher schuldig sind die, die ihrer Pflicht aus Scheu vor Mühen und Schmerzen, d.h. aus Weichlichkeit des Gemütes, untreu werden.
33,3
et harum quidem rerum facilis est et expedita distinctio.Aber diese Fälle lassen sich leicht und ohne Schwierigkeiten unterscheiden.
33,4
nam libero tempore, cum soluta nobis est eligendi optio, cumque nihil impedit, quo minus id, quod maxime placeat, facere possimus, omnis voluptas assumenda est, omnis dolor repellendus.Denn in freier Zeit, wenn uns die Entscheidung der Wahl unbehindert ist und wenn uns nichts abhält, das zu tun, was uns am meisten zusagt, muss man jede Lust ergreifen und jeden Schmerz abwehren.
33,5
temporibus autem quibusdam et aut officiis debitis aut rerum necessitatibus saepe eveniet, ut et voluptates repudiandae sint et molestiae non recusandae.Zu gewissen Zeiten hingegen, wo wir durch Pflichten gebunden oder durch die Not der Verhältnisse bedrängt sind, wird oft der Fall eintreten, dass wir auf sinnliche Genüsse verzichten und Beschwerden nicht zurückweisen dürfen.
33,6
itaque earum rerum hic tenetur a sapiente delectus, ut aut reiciendis voluptatibus maiores alias consequatur aut perferendis doloribus asperiores repellat.In solchen Fällen nun trifft der Weise die Wahl, dass er entweder durch Verwerfung einiger Vergnügungen anderer größere erreicht oder durch Ertragen von Schmerzen empfindlichere zurückweist.
34,1
Hanc ego cum teneam sententiam, quid est cur verear, ne ad eam non possim accommodare Torquatos nostros, quos tu paulo ante cum memoriter, tum etiam erga nos amice et benivole collegisti;Da ich diesen Grundsatz festhalte, warum sollte ich Bedenken haben, damit unsere Torquate in Einklang bringen zu können, die du kurz zuvor aus dem Gedächtnis und so freundlich und Wohlwollen gegen mich anführtest?
34,2
nec me tamen laudandis maioribus meis corrupisti nec segniorem ad respondendum reddidisti.Jedoch hast du mich durch das Lob meiner Ahnen weder bestochen noch zur Erwiderung lässiger gemacht.
34,3
quorum facta quem ad modum, quaeso, interpretaris? sicine eos censes aut in armatum hostem impetum fecisse aut in liberos atque in sanguinem suum tam crudelis fuisse, nihil ut de utilitatibus, nihil ut de commodis suis cogitarent?Wie, ich bitte dich, erklärst du ihre Taten? Meinst du sie hätten auf den bewaffneten Feind den Angriff so gemacht oder seien gegen ihre Kinder oder ihr eigenes Blut so grausam gewesen, dass sie gar nicht an ihren Nutzen, gar nicht an ihre Vorteile gedacht hätten?
34,4
at id ne ferae quidem faciunt, ut ita ruant itaque turbent, ut earum motus et impetus, quo pertineant, non intellegamus, tu tam egregios viros censes tantas res gessisse sine causa?Das tun ja nicht einmal die wilden Tiere, dass sie so losstürmen und Verwirrung anrichten, dass wir nicht den Zweck ihrer Bewegungen und ihrer Angriffe einsehen könnten; und du meinst, so ausgezeichnete Männer hätten so große Taten ohne Grund ausgeführt?
35,1
Quae fuerit causa, mox videro; interea hoc tenebo, si ob aliquam causam ista, quae sine dubio praeclara sunt, fecerint, virtutem iis per se ipsam causam non fuisse. --Was der Grund war, werde ich alsbald in Betracht ziehen; inzwischen will ich das festhalten: Wenn sie aus irgend einem Grund jene Taten vollbrachten, die ohne Zweifel herrlich sind, so war ihnen die Tugend an sich selbst nicht der Beweggrund dazu. --
35,2
Torquem detraxit hosti. -- Et quidem se texit, ne interiret. -- At magnum periculum adiit. -- In oculis quidem exercitus. -- Quid ex eo est consecutus? --Du sagst: Die Halskette nahm er dem Feind ab. -- Allerdings, aber er deckte sich, um nicht umzukommen. -- Aber er unterzog sich großer Gefahr. -- Ja, aber unter den Augen des Heeres. -- Was erreichte er hierdurch? --
35,3
Laudem et caritatem, quae sunt vitae sine metu degendae praesidia firmissima. -- Filium morte multavit. --Ruhm und Liebe, die kräftigsten Hilfsmittel, um das Leben furchtlos zu führen. -- Seinen Sohn strafte er mit dem Tod. --
35,4
Si sine causa, nollem me ab eo ortum, tam inportuno tamque crudeli;Wenn ohne Grund, so wünschte ich nicht von ihm abzustammen, einem so ungestümen und so grausamen Mann.
35,5
sin, ut dolore suo sanciret militaris imperii disciplinam exercitumque in gravissimo bello animadversionis metu contineret, saluti prospexit civium, qua intellegebat contineri suam.Hatte er aber die Absicht, durch seinen Schmerz die strenge Beachtung des Feldherrnbefehls zu heiligen und das Heer in dem höchst gefahrvollen Krieg durch Furcht vor Strafe im Zaum zu halten, so sorgte er für das Wohl der Bürger, in dem er auch sein eigenes begriffen sah.
35,6
atque haec ratio late patet.Diese Auffassung lässt eine weite Anwendung zu.
36,1
In quo enim maxime consuevit iactare vestra se oratio, tua praesertim, qui studiose antiqua persequeris, claris et fortibus viris commemorandis eorumque factis non emolumento aliquo, sed ipsius honestatis decore laudandis, id totum evertitur eo delectu rerum, quem modo dixi, constituto, ut aut voluptates omittantur maiorum voluptatum adipiscendarum causa aut dolores suscipiantur maiorum dolorum effugiendorum gratia.Denn worin sich vorzüglich eure Rede brüstet, zumal die deinige, der du dich so eifrig mit dem Altertum beschäftigst, dass ihr berühmte und tapfere Männer erwähnt und ihre Taten als solche rühmt, die ohne Rücksicht auf äußere Vorteile lediglich um der sittlichen Würde selbst willen vollbracht seien: dies wird ganz umgestoßen durch Feststellung der eben erwähnten Wahl der Dinge, nach der man entweder Vergnügungen opfert, um größere zu erringen, oder sich Schmerzen unterzieht, um größere Schmerzen zu vermeiden.
     
 
 
Aufgabenvorschläge:
  1. Welche methodischen Schritte hält der Sprecher für sinnvoll?
  2. Wie wird die Problematik der Hauptfrage (quid sit extremum et ultimum bonorum... summumque malum), die auch dem Gesamtwerk den Titel gegeben hat, erklärt? In welcher Formulierung drückt sich aus, dass es um eine philosophische Letztbegründung geht?
  3. Informieren Sie sich über das sog. Münchhausen-Trilemma (im Rahmen des "Kritischen Rationalismus") und überprüfen Sie seine Anwendbarkeit auf die Problematik des Textes!
  4. Der Text referiert drei verschiedene unter den Epikureern nachweisbare Haltungen, was die Sinnhaftigkeit einer rationalen Begründung des ethischen Letztwertes angeht. Um welche Haltungen geht es? Ordnen Sie die jeweiligen Textstellen zu !
  5. Ist Sen.epist.24,16 "Ipsae voluptates in tormenta vertuntur.Selbst Vergnügungen wandeln sich in Qualen" mehr eine Kritik an Epikurs Lehre oder eine Bestätigung?
  6. Welche normative Regel stellt L. Manlius Torquatus für die Abwägung von Lust und Schmerz in der konkreten Entscheidungssituation auf?
  7. Informieren Sie sich über S. Freuds Lehre vom Lust- und Realitätsprinzip und überprüfen Sie die Vergleichbarkeit mit der hier vorgetragenen epikureischen Lehre!
Übersetzung von R.Kühner, bearbeitet von E. Gottwein
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Sententiae excerptae:
w38
292 Aetas cinaedum celat, aetas indicat.
  Zeit verbirgt den Lüstling, Zeit zeigt ihn auch an.
  Publil.Syr.A24
1075 Amissis rebus nemo sapiens.
  Nach Verlust des Vermögens ist niemand weise. (In des Armen Tasche verdirbt die Weisheit.)
  vulgo
9 Aspicere oportet, quidquid possis perdere.
  Behalte stets im Blick, was du verlieren kannst.
  Publil.Syr.A9
1379 Avaritia paupertatem intulit et multa concupiscendo omnia amisit.
  Habgier führt zu Armut und verliert durch ihre Begehrlichkeit alles.
  Sen.epist.90,38
1380 Avaritia vehementissima generis humani pestis.
  Habgier ist die schlimmste Seuche des Menschengeschlechts.
  Sen.dial.12,13,3
293 Avarus damno potius quam sapiens dolet.
  Verlust betrübt den Geizhals mehr als einen weisen Mann.
  Publil.Syr.A25
1302 Bene est homini, si palato bene est.
  Dem Menschen ist wohl, wenn seinem Gaumen wohl ist.
  Sen.epist.92,7
1417 Cogitandum est, quanto levior dolor sit non habere quam perdere.
  Man muss bedenken, wie viel leichter es ist, etwas nicht zu haben als es einzubüßen.
  Sen.dial.9,8,2
1899 Da oscula, dum licet
  Gib Küsse, solange es dir vergönnt ist
  Petron.114,9
426 Damnum appellandum est cum mala fama lucrum.
  Verlust muss heißen ein Gewinn, der Schande macht.
  Publil.Syr.D13
1577 Di boni, quantum hominum unus venter exercet!
  Gute Götter! Welche Schar von Menschen setzt ein einziger Bauch in Trab!
  Sen.epist.95,24
2026 est enim ira ulciscendi libido
  Zorn ist Lust, sich zu rächen
  Cic.Tusc.4,44,1
1048 Gradus unus in ea via, quae est hinc in Indiam.
  Ein Schritt auf dem Weg, der von hier nach Indien führt. (Ein unzureichender Anfang.)
  Cic.fin.3,45
1316 Hoc adversus virtutem possunt calamitates et damna et iniuriae, quod adversus solem potest nebula.
  Gegen die Tugend vermögen Unglücksfälle, Verluste, Misshandlungen ebenso viel, wie ein Nebel gegen die Sonne.
  Sen.epist.92,18
1708 Idem amor exitium pecori pecorisque magistro.
  Also dem Vieh, wie dem Herren des Viehs bringt Liebe Verderben.
  Verg.ecl.3,101
1049 In magnitudine maris Aegaei stilla mellis.
  Ein Tropfen Honig im Aegaeischen Meer. (ein ungenügender Anfang.)
  Cic.fin.3,14,45
1928 In umbra voluptatis diutius luditur.
  Im Schatten der Wollust spielt sich's länger. (Im Vorhof der Lust hält das Vergnügen länger an).
  Petron.129,4
574 In Venere semper certat dolor et gaudium.
  Wo Venus wirkt, da streiten immer Schmerz und Lust.
  Publil.Syr.I38
582 In Venere semper dulcis est dementia.
  Im Dienst der Venus ist der Wahn stets voller Lust.
  Publil.Syr.I46
1453 Ingeniumst omnium | hominum ab labore proclive ad lubidinem.
  Aller Menschen Sinn | gar leicht von Arbeit zu Genuss hinüberneigt.
  Ter.Andr.77f.
1193 Ipsae voluptates in tormenta vertuntur.
  Selbst Vergnügungen wandeln sich in Qualen.
  Sen.epist.24,16
104 iucundi acti labores
  angenehm durchstandene Mühen
  (vulgo dicitur: Cic.fin.2,32,105)
1166 Iucundissima est aetas devexa iam, non tamen praeceps.
  Das angenehmste Lebensalter ist das, welches sich schon abwärts neigt, doch noch nicht jählings stürzt.
  Sen.epist.12,5
1558 Ius iurandum rei servandae, non perdendae conditum est.
  Nur zum Schutz (des Vermögens), nicht zum Verlieren ist das Schwören eingeführt.
  Plaut.Rud.1374
617 Lucrum est dolorem posse damno exstinguere.
  Ein Schaden ist, wenn er den Schmerz auslöscht, Gewinn. (Verlust ist, löscht er nur den Schmerz aus, ein Gewinn.)
  Publil.Syr.L18
605 Lucrum sine damno alterius fieri non potest.
  Gewinn ist möglich nur durch anderer Verlust.
  Publil.Syr.L6
1489 Lugete, o Veneres Cupidinesque.
  Trauert, ihr Liebenden und Verliebten!
  Catull.3,1.
674 Misera est voluptas, ubi pericli memoria est.
  Armselig ist die Lust, die an Gefahren denkt.
  Publil.Syr.M57
1557 Miserum istuc verbum et pessimum est, habuisse, et nihil habere.
  Das ist das jammervollste Wort: Du hattest und du hast nichts.
  Plaut.Rud.1321
1133 Neminem eo fortuna provexit, ut non tantum illi minaretur, quantum permiserat.
  Keinen hat das Glück so hoch gestellt, dass es ihm nicht ebenso vieles drohte, als es gewährte.
  Sen.epist.4,7
1896 Nemo invitus audit, cum cogitur aut cibum sumere aut vivere
  Niemand hört es ungern, wenn man ihn zwingt, Speise zu sich zu nehmen und zu leben.
  Petron.111,13
125 Neque femina amissa pudicitia alia abnuerit.
  Ein Weib versagt nach Verlust ihrer Keuschheit nichts mehr.
  Tac.ann.4,3
131 Nulla salus bello.
  Heil ist nimmer im Krieg!
  Verg.Aen.11,362
1132 Nullius rei facilior amissio est, quam quae desiderari amissa non potest.
  Keines Dinges Verlust ist leichter, als dessen, das, wenn es verloren ist, nicht vermisst wird.
  Sen.epist.4,6
1131 Nullum bonum adiuvat habentem, nisi ad cuius amissionem praeparatus est animus.
  Nur das Gut frommt seinem Besitzer, auf dessen Verlust sein Gemüt gefasst ist.
  Sen.epist.4,6
138 Omnia deficiant: animus tamen omnia vincit.
  Alles mag fehlen, doch überwinde ich alles (überwindet alles der Geist).
  Ov.Pont.2,7,75
751 Omnis voluptas, quamcumque arrisit, nocet.
  Es schadet jede Lust, wie viel sie auch verspricht.
  Publil.Syr.O1
229 parvo (est) natura contenta
  Die Natur ist mit wenigem zufrieden
  Cic.fin.2,28,91
1879 Patrimonii reliquias olere.
  Nach den Resten des väterlichen Vermögens duften. (An etwas sein ganzes Vermögen verschwenden).
  Petron.105,3
2030 perturbationibus sapiens semper vacabit
  Von Leidenschaften wird der Weise immer frei sein
  Cic.fin.3,35,7
1772 Potestates fato dantur frustraque tentatur facinus potiundi spe vel amittendi metu.
  Macht ist ein Geschenk des Schicksals und weder Aussicht auf ihren Besitz noch Furcht vor ihrem Verlust verleiht einem verbrecherischen Unternehmen Erfolg.
  Aur.Vict.Caes.10,4 (Kaiser Titus)
1836 Pretium maioris compendii levior facit iactura.
  Durch einen kleineren Verlust lässt sich (mitunter) ein größerer Gewinn erzielen.
  Petron.14,4
1167 Quam dulce est cupiditates fatigasse ac reliquisse!
  Wie wohltuend, seine Begierden müde gemacht und hinter sich gelassen zu haben!
  Sen.epist.12,5
1578 Quare ego ad unam rem manum porrigam? plura veniant simul!
  Warum soll ich nach einer Sache die Hand ausstrecken? Mehreres komme zugleich!
  Sen.epist.95,27
1547 Qui dormiunt libenter, sine lucro et cum malo quiescunt.
  Wer gerne schläft, der ruhet ohne Gewinn zu seinem Schaden.
  Plaut.Rud.923
1165 Quod in se iucundissimum omnis voluptas habet, in finem sui differt.
  Das Lieblichste, was jede Lust in sich hat, spart sie auf das Ende.
  Sen.epist.12,5
1501 Quod vides perisse, perditum ducas.
  Halte für verloren, wovon du siehst, dass es verloren ist!
  Catull.8,2.
841 Quod vix contingit, plus voluptatis parit.
  Was kaum gelingen will, vergrößert nur die Lust. (Was kaum gelingen will, facht das Verlangen an.)
  Publil.Syr.Q21
172 Ridentem dicere verum.
  Lachend die Wahrheit sagen.
  Hor.sat.1,1,24
1832 Scis rediisse ad nos thesaurum, de quo querebar?
  Weißt du, dass der Schatz, dessen Verlust ich beklagte, zu uns zurückgekehrt ist?
  Petron.13,2
183 suavis laborum est praeteritorum memoria
  angenehm ist die Erinnerung an vergangene Mühen
  Cic.fin.2,32,105
1951 Tangomenas faciamus! vinum vita est.
  Lasst uns lustig zechen! Wein bedeutet Leben!
  Petron.34,7
1691 Trahit sua quemque voluptas.
  So reißt jedweden sein Trieb hin.
  Verg.ecl.2,65
1706 Triste arboribus venti.
  Unheilvoll ist Bäumen der Wind.
  Verg.ecl.3,80f.
1704 Triste lupus stabulis.
  Unheilvoll ist Hürden der Wolf.
  Verg.ecl.3,80
1705 Triste maturis frugibus imbres.
  Unheilvoll ist reifenden Früchten Regen.
  Verg.ecl.3,80
1104 Turpissima tamen est iactura, quae per neglegentiam fit.
  Der schimpflichste Verlust ist der, der aus Nachlässigkeit erwächst.
  Sen.epist.1,1
1748 Ut vidi, ut perii.
  Wie war ich verloren, sobald ich sie (es) sah!
  Verg.ecl.8,41
1933 Veneris quis gaudia nescit?
  Wer kennt nicht die Freuden der Venus?
  Petron.132,15
978 Voluntas impudicum, non corpus facit.
  Der Wille macht unzüchtig, nicht des Fleisches Lust.
  Publil.Syr.V11
1304 Voluptas dissolvit et omne robur emollit .
  Die Sinnenlust zerstört und lähmt alle Kraft .
  Sen.epist.92,10
969 Voluptas e difficili data dulcissima est.
  Am süßesten schmeckt Lust, die schwer errungen ist.
  Publil.Syr.V2
1325 Voluptas non est digna, ad quam respiciat.
  Sinnenlust ist nicht wert, (von der Tugend) berücksichtigt zu werden.
  Sen.epist.92,24
988 Voluptas tacita metus est magis quam gaudium.
  Die stille Lust trägt mehr an Furcht als Freude ein.
  Publil.Syr.V21
1301 Voluptas, bonum pecoris est.
  Die Sinnenlust ist ein Gut des Tieres.
  Sen.epist.92,6
Literatur:

23 Funde
4594  Baltes, M.
Die Todesproblematik in der griechischen Philosophie.
in: Gymnasium 95, 2/1988, 97-128
abe  |  zvab  |  look
534  Barigazzi, A.
Sulle fonte del libro primo delle Tusculane de Cicerone
in: RFIC 76/1984,181-203
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1534  Barigazzi, A.
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683  Büchner, K.
Cicero. Bestand und Wandel seiner geistigen Welt
Heidelberg (Winter) 1964
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703  Cicero, M.T. / Kühner, R.
Cicero's Tusculanen. Übs. und erklärt von Raphael Kühner.
Stuttgart, Krais & Hoffmann 2/1866
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707  Cicero, M.T. / Kühner, R.
Tusculanarum disputationum libri quinque. Ex Orellii recensione edidit et illustravit Raphael Kühner. Editio altera auctior et emendatior.
Jena, Frommann, 1829; 1835
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4584  Cicero, M.T. / O. Weissenfels
Auswahl aus Ciceros Philosophischen Schriften, hgg. v. Oskar Weissenfels. 3. Aufl. besorgt v. Paul Wessner
Leipzig, Berlin (Teubner) 1910
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496  Gelzer, M.
Cicero. Ein biographischer Versuch
Wiebaden (Steiner) 1969
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500  Giebel, M.
Cicero
Reinbek (rm 261) 1989
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518  Harder, R.
Proömium von Ciceros Tusculanen (Die Antithese Rom-Griechenland)
in: Kl.Schrft., München (Beck) 1960
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532  Hommel, H.
Ciceros Gebetshymnus an die Philosophie, Tusculanen V 5
Heidelberg (Winter) 1968
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4596  Hross, K.
Unsterblichkeit der Seele, Lukr.3 – Cic. Tusc.1
in: Anr. 13/1967, 389
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4590  Ioannes ab Arnim (Hg.)
Stoicorum veterum fragmenta, collegit Ioannes ab Arnim. Volumen III: Chrysippi fragmenta moralia, fragmenta succcessorum Chrysippi
Stuttgart, Teubner1979
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Cicero
in: Röm.Geisteswelt, München 1965
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561  Kurfeß, A.
Adnotationes criticae ad Ciceronis Tusculanas disputationes
in: Gymn 62/1955,50
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Die hellenistischen Philosophen, Texte und Kommentare (nur deutsch), übers. v. Karlheinz Hülser
Stuttgart, Weimar (J.B.Metzler) 2000 (Cambridge 1987)
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Cicero in seinen Werken und Briefen
Darmstadt (WBG) 1962
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Ein Tag und der Aion. ..zu Ciceros Doxologie der Philos.(Tusc.5,5)
in: Maurach: Philos. (WBG, WdF 193) 1976
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4597  Schmid, W.
Ein Tag und der Aion... Zu Ciceros Doxologie der Philos. (Tusc.5,5)
in: Maurach. Philos., Darmstadt (WBG, WdF 193) 1976
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Cicero. Wort, Staat, Welt
Stuttgart (Klett) 1967
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4585  Süss, Wilhelm
Cicero. Eine Einführung in seine philosophischen Schriften (mit Ausschluss der staatsphilosophischen Werke)
Wiesbaden (Franz Steiner) 1966
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