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M.Minucius Felix

Octavius

8-9

3. Teil der "Heidenrede": Vorurteile über das Christentum

 
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Skeptizismus ist nicht gleichbedeutend mit Atheismus. Caecilius trägt, um die römische Religion als überlegen zu erweisen, die gängigen Vorurteile über die Christen zusammen

VIII. (1) Itaque cum omnium gentium de dis inmortalibus, quamvis incerta sit vel ratio vel origo, maneat tamen firma consensio, neminem fero tanta audacia tamque inreligiosa nescio qua prudentia tumescentem, qui hanc religionem tam vetustam, tam utilem, tam salubrem dissolvere aut infirmare nitatur.

VIII. (1) Da also über die Existenz der unsterblichen Götter trotz des Problems ihres Wesens und ihres Ursprungs dennoch unter allen Völkern eine unerschütterliche Übereinstimmung dauernd besteht, so halte ich niemanden für so überaus anmaßend und in aufgeblasener Klugheit gottlos, dass er die Vernichtung oder Schwächung dieses so alten, so nützlichen und heilsamen Götterglaubens anstreben könnte.

(2) Sit licet ille Theodorus Cyrenaeus vel, qui prior, Diagoras Melius, cui Ἄθεον cognomen adposuit antiquitas, qui uterque nullos deos adseverando timorem omnem, quo humanitas regitur, venerationemque penitus sustulerunt: numquam tamen in hac impietatis disciplina simulatae philosophiae nomine atque auctoritate pollebunt. (2) Wohl gibt es jenen Theodoros aus Cyrene und den vor ihm lebenden Diagoras aus Melos, dem das Altertum den Beinamen "Gottesleugner" gegeben hat, ein Philosophenpaar, das durch ausgesprochenen Atheismus all die heilige Scheu, von der die Menschheit regiert wird, so wie alle Gottesverehrung gründlich in Abrede gestellt hat. Allein werden diese Männer bei dem Anspruch und Ansehen ihrer Scheinphilosophie mit solch gottloser Doktrin niemals Einfluss gewinnen.
(3) Cum Abderiten Protagoram Athenienses viri consulte potius quam profane de divinitate disputantem et expulerint suis finibus et in contione eius scripta deusserint, quid? homines - sustinebitis enim me impetum susceptae actionis liberius exerentem - homines, inquam, deploratae, inlicitae ac desperatae factionis grassari in deos non ingemescendum est? (3) Wenn die Bürgerschaft von Athen den Protagoras aus Abdera, der mehr philosophisch als religionslos von der Gottheit sprach, aus ihrem Gebiet vertrieben und in einer Volksversammlung seine Schriften verbrannt hat: was sollte man nicht darüber seufzen, dass Menschen - ihr werdet nämlich erlauben, dass ich die Begeisterung für meine übernommene Rolle etwas freier zeige -, dass Menschen, sage ich, einer verlorenen, vom Staat verbotenen, heillosen Sekte gegen die Götter wüten?
(4) Qui de ultima faece collectis imperitioribus et mulieribus credulis sexus sui facilitate labentibus plebem profanae coniurationis instituunt, quae nocturnis congregationibus et ieiuniis sollemnibus et inhumanis cibis non sacro quodam, sed piaculo foederantur, latebrosa et lucifuga natio, in publicum muta, in angulis garrula, templa ut busta despiciunt, deos despuunt, rident sacra, miserentur miseri - si fas est - sacerdotum, honores et purpuras despiciunt, ipsi seminudi! (4) Ja, diese sind es, die aus der untersten Hefe die beschränkteren Elemente und leichtgläubiges Weibervolk sammeln, das wegen der Verführbarkeit seines Geschlechts anfällig ist, und daraus eine gottlos verschworene Masse heranbilden, die sich in nächtlichen Zusammenkünften, feierlichem Fasten und unmenschlichen Gastereien nicht durch ein heiliges Opfer, sondern durch Verbrechen zusammenschart, ein tag- und lichtscheues Volk, das in der Öffentlichkeit stumm, in seinem Versteck aber geschwätzig ist: Tempel verachten sie wie Gräber, verabscheuen die Götter, spotten über den Opferdienst, bedauern selbst bedauernswert, wenn es erlaubt ist, die Priester, verschmähen selbst halbnackt das Purpurgewand der Würdenträger.
(5) Pro mira stultitia et incredibilis audacia! spernunt tormenta praesentia, dum incerta metuunt et futura et, dum mori post mortem timent, interim mori non timent: ita illis pavorem fallax spes solacia rediviva blanditur! (5) Oh erstaunliche Torheit und unglaubliche Frechheit! Sie verachten jetzige Martern, indem sie ungewisse in der Zukunft fürchten; und indem sie den Tod nach dem Tod fürchten, fürchten sie nicht den Tod in der Zwischenzeit: so sehr überspielt eine trügerische Hoffnung mit dem Trost einer Auferstehung ihre Furcht.
IX. (1) Ac iam, ut fecundius nequiora proveniunt, serpentibus in dies perditis moribus per universum orbem sacraria ista taeterrima impiae coitionis adolescunt. Eruenda prorsus haec et execranda consensio. IX. (1) Schon breitet sich, wie ja das Unkraut stets reicher wuchert, das schlechte Leben von Tag zu Tag mehr auf der ganzen Erde aus, und mehren sich die entsetzlichen Kultstätten der unseligen Geheimbündler. Die Vernichtung und Verwünschung dieses Bundes ist eine absolute Notwendigkeit.
(2) Occultis se notis et insignibus noscunt et amant mutuo paene, antequam noverint: passim etiam inter eos velut quaedam libidinum religio miscetur, ac se promisce appellant fratres et sorores, ut etiam non insolens stuprum intercessione sacri nominis fiat incestum. Ita eorum vana et demens superstitio sceleribus gloriatur. (2) An geheimen Zeichen und Abzeichen erkennen sie einander und lieben sich gegenseitig, fast bevor sie sich kennen; Allenthalben kommt unter ihnen eine Art Sinnlichkeitskult auf; sie nennen sich gegenseitig ohne Unterschied Brüder und Schwestern, so dass die nicht ungewöhnliche Schändung durch Verwendung des heiligen Namens sogar zum Inzest wird. So rühmt sich ihr eitler und dummer Wahn mit seinen Verbrechen.
(3) Nec de ipsis, nisi subsisteret veritas, maxima et varia et honore praefanda sagax fama loqueretur. Audio eos turpissimae pecudis caput, asini, consecratum inepta nescio qua persuasione venerari: digna et nata religio talibus moribus! (3) Wenn nicht Wahrheit dahinter wäre, würde wohl die scharfsichtige Fama von diesen Leuten nicht so vielfältige Schandtaten erzählen und, was sonst man ohne Erlaubnis nicht sagen darf. So, höre ich, sei ihnen der Kopf eines allgemein verachteten Tieres, eines Esels, heilig und Kultgegenstand ihres absonderlichen Wahns: eine Religion, die zu solchen Bräuchen passt, und aus ihnen entsprungen ist.

(4) Alii eos ferunt ipsius antistitis ac sacerdotis colere genitalia et quasi parentis sui adorare naturam: nescio an falsa, certe occultis ac nocturnis sacris adposita suspicio! Et qui hominem summo supplicio pro facinore punitum et crucis ligna feralia eorum caerimonias fabulatur, congruentia perditis sceleratisque tribuit altaria, ut id colant, quod merentur.

(4) Andere sagen, sie verehrten die Schamteile selbst ihres Vorstehers und Priesters und beten gleichsam die Zeugungskraft ihres Vaters an; möglicherweise ein falscher Verdacht, doch gewiss einer, wie er auf eine geheime und nächtliche Religionsfeier passt. Und wer von einem mit der höchsten Strafe für ein Verbrechen belegten Menschen und dem Schandholz des Kreuzes als ihren Kultobjekten redet, der teilt Altäre zu, wie sie verkommenen und lasterhaften Leuten zustehen, in der Weise nämlich, dass sie das verehren, was sie verdienen.
(5) Iam de initiandis tirunculis fabula tam detestanda quam nota est. Infans farre contectus, ut decipiat incautos, adponitur ei, qui sacris inbuatur. Is infans a tirunculo farris superficie quasi ad innoxios ictus provocato caecis occultisque vulneribus occiditur. Huius, pro nefas! sitienter sanguinem lambunt, huius certatim membra dispertiunt, hac foederantur hostia, hac conscientia sceleris ad silentium mutuum pignerantur. Haec sacra sacrilegiis omnibus taetriora. (5) Die Aufnahmefeier neuer Mitglieder ist, wie man erzählt, ebenso abscheulich, wie bekannt. Ein Säugling unter einer Brothülle – um Unvorsichtige zu täuschen – wird dem nahe gebracht, der aufgenommen werden soll. Der Säugling wird nun von dem Aufzunehmenden, der, da ja Brot die Oberfläche bildet, wie zu harmlosen Schlägen aufgefordert wird, durch unsichtbare und verborgene Verwundungen getötet. Von diesem Kind nun – O Gräuel! – schlürfen sie gierig das Blut, zerlegen seine Glieder um die Wette; dieses Opfer führt zu ihrer Verbrüderung, das Bewusstsein dieses Frevels bildet das Pfand gegenseitigen Stillschweigens. Gegen diesen Gottesienst sind alle Arten von Gottesschändung ein unschuldig Ding.
(6) Et de convivio notum est; passim omnes locuntur, id etiam Cirtensis nostri testatur oratio. Ad epulas sollemni die coeunt cum omnibus liberis, sororibus, matribus, sexus omnis homines et omnis aetatis. Illic post multas epulas, ubi convivium caluit et incestae libidinis ebriatis fervor exarsit, canis, qui candelabro nexus est, iactu offulae ultra spatium lineae, qua vinctus est, ad impetum et saltum provocatur. (6) Auch ihre "Mahlzeiten" kennt man; alle Welt spricht davon; dies bezeugt auch eine Rede unseres Landsmannes aus Cirta (M. Cornelius Fronto). Zu diesen Mählern gehen sie an einem Festtag in Begleitung aller Kinder, Schwestern und Mütter, Leute jeden Geschlechts und Alters. Wenn die Tischgesellschaft nach reichlichem Essen warm geworden ist, und die Glut blutschänderischer Wollust in den Betrunkenen aufflammt, reizt man einen Hund, der an einen Leuchter angebunden ist, durch einen Bissen, den man über die Schnurlänge hinauswirft, zu einem wuchtigen Sprung.
(7) Sic everso et extincto conscio lumine inpudentibus tenebris nexus infandae cupiditatis involvunt per incertum sortis, etsi non omnes opera, conscientia tamen pariter incesti, quoniam voto universorum adpetitur, quicquid accidere potest in actu singulorum. (7) Ist so der Zeuge "Licht" umgeworfen und ausgelöscht, umhüllen sie im Spiel des Zufalls ihre unsagbar leidenschaftlichen Umarmungen mit schamfeindlicher Finsternis. So sind sie, wenn nicht alle durch die Tat, doch durch ihre Gesinnung gleich blutschänderisch, da man ja allgemein zu genießen wünscht, was nur einzelne tun können.
Deutsche Übersetzung nach: Aloys Bieringer, 1871, bearbeitet von E.Gottwein
Sententiae excerptae:
w31
2015 Fecundius nequiora proveniunt
  Das Unkraut wuchert stets reicher
  Min.Fel.9,1
2016 Voto universorum adpetitur, quicquid accidere potest in actu singulorum
  Man wünscht ja allgemein zu genießen, was nur einzelne tun können
  Min.Fel.9,7
Literatur:

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Lund, 1941
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Der "Octavius" des Minucius Felix. Heidnische Philosophie und frühchristliche Apologetik.
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Der Strandspaziergang im "Octavius" des Minucius Felix als Begegnung mit dem Unverfügbaren: eine allegorische Deutung von Minucius Felix 2,3/4,5
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