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Gaius Petronius Arbiter

Satyricon

Encolpius, Eumolpus und Giton in der Herberge. Aufbruch (Petron.91-99)

 
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1. Wiedertreffen mit Giton. Auch Eumolpus kommt in die Herberge. Eifersucht, Streit, gespielter Selbstmord (91-94)

(91,1) Video Gitona cum linteis et strigilibus parieti applicitum tristem confusumque. Scires non libenter servire. (91,2) Itaque ut experimentum oculorum caperem <...> convertit ille solutum gaudio vultum et: "Miserere", inquit, "frater. Ubi arma non sunt, libere loquor. Eripe me latroni cruento et qualibet saevitia paenitentiam iudicis tui puni. Satis magnum erit misero solacium tua voluntate cecidisse". (91,3) Supprimere ego querellam iubeo, ne quis consilia deprehenderet, relictoque Eumolpo ÔÇö nam in balneo carmen recitabat ÔÇö per tenebrosum et sordidum egressum extraho Gitona raptimque in hospitium meum pervolo. (91,4) Praeclusis deinde foribus invado pectus amplexibus et perfusum os lacrimis vultu meo contero. Diu vocem neuter invenit; nam puer etiam singultibus crebris amabile pectus quassaverat. (91,6) "O facinus", inquam, "indignum, quod amo te quamvis relictus, et in hoc pectore, cum vulnus ingens fuerit, cicatrix non est. Quid dicis, peregrini amoris concessio? Dignus hac iniuria fui?" (91,7) Postquam se amari sensit, supercilium altius sustulit. <...>

"Nec amoris arbitrium ad alium iudicem <de>tuli. Sed nihil iam queror, nihil iam memini, si bona fide paenitentiam emendas". (91,8) Haec cum inter gemitus lacrimasque fudissem, detersit ille pallio vultum et: "Quaeso", inquit, "Encolpi, fidem memoriae tuae appello: ego te reliqui, an tu <me> prodidisti? Equidem fateor et prae me fero: cum duos armatos viderem, ad fortiorem confugi". (91,9) Exosculatus pectus sapientia plenum inieci cervicibus manus et, ut facile intellegeret redisse me in gratiam et optima fide reviviscentem amicitiam, toto pectore adstrinxi.

91. Ich sehne den Giton traurig und verwirrt mit Handt├╝chern und Schabeisen an die Mauer angelehnt. Man konnte sehen, dass er seinen (neuen) Dienst nur ungern verrichtete. Um mich mit eigenen Augen davon zu ├╝berzeugen [sprach ich ihn an]. Er wandte mir freudestrahlend sein Gesicht zu und sagte: "Bruder, erbarme dich meiner! Wo keine Waffen sind, da darf ich auch frei sprechen. Entrei├če mich dem blutigen R├Ąuber und strafe mich f├╝r meine freche Entscheidung mit jeder beliebigen Strenge! Beim meinem Leiden wird es mir ein hinreichender Trost sein, dass ich auf deinen Befehl gez├╝chtigt werde." Ich bat ihn, seine Klagen einzustellen, damit niemand unsere Besprechung beobachte, trennte mich von Eumolpos - der trug n├Ąmlich in dem Bad ein Gedicht vor - ging durch einen dunklen, schmutzigen Gang, zog den Giton hastig mit und lief mit ihm in mein Quartier. Dann verschloss ich die T├╝r, dr├╝ckte ihn hei├č an meine Brust und legte sein tr├Ąnenweiches Gesicht an meine Wange. Lange Zeit konnten wir kein Wort herausbringen. Ein unausgesetztes Schluchzen sch├╝ttelte dem Jungen die liebe Brust. "O, welche Sch├Ąndlichkeit!" rief ich aus, "dass ich dich liebe, obgleich du mir untreu geworden bist, obgleich in meinem Herzen diese ungeheuere Wunde war und die Narbe noch immer besteht! Wie? Du nennst es ein Zugest├Ąndnis an die Liebe eines Fremden? Habe ich einen solches Unrecht verdient?" Als er merkte, dass er geliebt wurde, zog er die Augenbrauen schon h├Âher.
"Ich habe die Entscheidung in deiner Liebe keinem anderen Richter ├╝bertragen. Aber ich will nicht mehr klagen, will alles vergessen, wenn du nur aufrichtig deine Entscheidung ├Ąnderst." Als ich das unter Jammern und Tr├Ąnen hervorgebracht hatte, wischte er sich mit seinem Mantel das Gesicht ab und sagte: "Enkolpius, bitte, lass mich an die Treue deines Ged├Ąchtnisses appellieren: habe ich dich verlassen, oder hast du mich preisgegeben? Ich lege das offene Gest├Ąndnis ab: als ich euch beide in Waffen sah, da fl├╝chtete ich mich zu dem St├Ąrkeren." Da k├╝sste ich seine kluge Brust herzlich ab, schlang meine Arme um seinen Hals und dr├╝ckte ihn innig an mein Herz zum Zeugnis daf├╝r, dass ich wieder mit ihm ausges├Âhnt sei, und mit dem festen Vorsatz, unsere Freundschaft zu erneuern.
(92,1) Et iam plena nox erat mulierque cenae mandata curaverat, cum Eumolpus ostium pulsat. (92,2) Interrogo ego: "Quot estis?" obiterque per rimam foris speculari diligentissime coepi, num Ascyltos una venisset. Deinde ut solum hospitem vidi, momento recepi. (92,3) Ille ut se in grabatum reiecit viditque Gitona in conspectu ministrantem, movit caput et: "Laudo", inquit, "Ganymedem. Oportet hodie bene sit". (92,4) Non delectavit me tam curiosum principium timuique, ne in contubernium recepissem Ascylti parem. (92,5) Instat Eumolpus et, cum puer illi potionem dedisset: "Malo te", inquit, "quam balneum totum" siccatoque avide poculo negat sibi unquam acidius fuisse. (92,6) "Nam et dum lavor", ait, "paene vapulavi, quia conatus sum circa solium sedentibus carmen recitare et, postquam de balneo tanquam de theatro eiectus sum, circuire omnes angulos coepi et clara voce Encolpion clamitare. (92,7) Ex altera parte iuvenis nudus, qui vestimenta perdiderat, non minore clamoris indignatione Gitona flagitabat. (92,8) Et me quidem pueri tanquam insanum imitatione petulantissima deriserunt, illum autem frequentia ingens circumvenit cum plausu et admiratione timidissima. (92,9) Habebat enim inguinum pondus tam grande, ut ipsum hominem laciniam fascini crederes. O iuvenem laboriosum! puto illum pridie incipere, postero die finire. (92,10) Itaque statim invenit auxilium; nescio quis enim, eques Romanus, ut aiebant, infamis, sua veste errantem circumdedit ac domum abduxit, credo, ut tam magna fortuna solus uteretur. (92,11) At ego ne mea quidem vestimenta ab officioso <custode> recepissem, nisi notorem dedissem. Tanto magis expedit inguina quam ingenia fricare". (92,12) Haec Eumolpo dicente mutabam ego frequentissime vultum, iniuriis scilicet inimici mei hilaris, commodis tristis. (92,13) Utcunque tamen, tanquam non agnoscerem fabulam, tacui et cenae ordinem explicui. <...> 92. Und es war schon Mitternacht. Das Weib hatte das Mal wunschgem├Ą├č hergerichtet, als Eumolpos an die T├╝r pochte. "Wie viele seit ihr?" fragte ich und sp├Ąhte sorgsam durch einen T├╝rspalt, ob nicht auch Askyltos mit gekommen w├Ąre. Sowie ich sah, dass in mein Gast allein war, lie├č ich ihn ein. Als er sich auf ein Sofa geworfen hatte und den Giton sah, der vor seinen Augen aufwartete, da nickte er mit dem Kopf und sagte: "Den Ganymedes lass ich mir gefallen. Heute muss es uns ja gut gehn." Mir behagt dieser so zudringliche Anfang nicht, und ich f├╝rchtete, einen ebensolchen Kameraden aufgenommen zu haben wie Askyltos. Eumolpos wurde aber noch deutlicher und sagte, als ihm mein Jungen einen Becher reichte: "Du bist mir lieber als das ganze Bad", leerte begierig seinen Becher und sagte, er h├Ątte nie so brennenden Durst gehabt. "Als ich n├Ąmlich badete," sagte er, "habe ich beinah Pr├╝gel bekommen, weil ich anfing, den auf den B├Ąnken Sitzenden ein Gedicht vorzutragen, und nachdem ich aus dem Bad, wie aus dem Theater, hinausgejagt wurde, fing ich an, in allen Winkeln herumzukriechen und laut zu rufen: 'Enkolpius!' Von einer anderen Seite her rief mit gleicher Erregung ein nackter junger Mann, dem seine Kleider abhanden gekommen waren, nach einem gewissen Giton. Die Bengel machten sich ├╝ber mich lustig, als ob ich ein Narr w├Ąre, und ├Ąfften meinen Ruf aufs unversch├Ąmteste nach; den andern aber umdr├Ąngte eine Volksmenge mit H├Ąndeklatschen und staunender Verwunderung. Er hatte n├Ąmlich ein Glied von solcher Gr├Â├če, dass er selbst sich ausnahm wie nur ein Anhang dazu. O, du leistungsf├Ąhiger junger Mann! Wenn der gestern anfing, dann, glaube ich, wird er morgen fertig. Das brachte ihm auch sofort Hilfe: ein, wie man sagte, ├╝bel beleumundeter r├Âmischer Ritter h├╝llte den Umhertappenden mit seinem Mantel ein und f├╝hrte ihn mit sich nach Hause ab, offenbar um sich allein in den Genuss eines so gro├čen Gl├╝cks zu setzen. Ich selbst aber h├Ątte von dem angestellten W├Ąchter meine eigenen Kleider nicht zur├╝ckerhalten, wenn ich nicht einen Zeugen beigebracht h├Ątte. So viel mehr richtet man aus, wenn man das Glied statt den Geist bem├╝ht." Bei dieser Erz├Ąhlung des Eumolpos ├Ąnderte ich ├Âfter mein Gesicht, vergn├╝gt bei den Beschimpfungen, verstimmt bei den Erfolgen meines Gegners. Aber ich verhielt mich, als ob ich seiner Geschichte nicht traute, still und entwickelte die Speisenfolge.
(93,1) "Vile est, quod licet, et animus errore laetus iniurias diligit.
(93,2) Ales Phasiacis petita Colchis
atque Afrae volucres placent palato,
quod non sunt faciles: at albus anser
et pictis anas decorata pennis
plebeium sapit. Ultimis ab oris
attractus scarus atque, arata Syrtis
si quid naufragio dedit, probatur:
mullus iam gravis est. Amica vincit
uxorem. Rosa cinnamum veretur.
Quicquid quaeritur, optimum videtur."
(93,3) ÔÇö "Hoc est", inquam, "quod promiseras, ne quem hodie versum faceres? Per fidem, saltem nobis parce, qui te nunquam lapidavimus. Nam si aliquis ex is, qui in eodem synoecio potant, nomen poetae olfecerit, totam concitabit viciniam et nos omnes sub eadem causa obruet. Miserere et aut pinacothecam aut balneum cogita." (93,4) Sic me loquentem obiurgavit Giton, mitissimus puer et negavit recte facere, quod seniori conviciarer simulque oblitus officii mensam, quam humanitate posuissem, contumelia tollerem, multaque alia moderationis verecundiaeque verba, quae formam eius egregie decebant. <...>
93. "Das Erlaubte steht niedrig im Kurs, und aus Freude am Irrtum sch├Ątzt man das Verbotene."
"Der Zunge munden V├Âgel, die aus Kolchis,
Aus Afrikas Gefilden stammen, darum,
Weil sie so schwierig zu erlangen waren:
Die wei├če Gans kann nur dem P├Âbel schmecken,
Die Ente mit der bunten Federn Zierde.
Von fernsten K├╝sten schafft man bei den Scarus,
Und was bei Schiffbruch aus den Syrten-Fluten
Gerettet wurde, gilt als leckre Speise:
Schon gilt die Barbe als zu schwer vertraulich
Die Freundin wird der Gattin vorgezogen.
Die Rose f├╝rchtet schon den Duft des Zimmet,
Am meisten gilt, was man erst suchen m├╝sste."
"So also", sagte ich, "h├Ąltst du dein Versprechen, dass du heute keinen Vers mehr machen wolltest? Meiner Treu, verschon doch uns wenigstens! Wir haben dich doch noch nie gesteinigt. Denn wenn mir irgendeiner von den Zechgenossen dieser Kneipe den Namen eines Poeten zu riechen bekommt, dann bringt er die ganze Nachbarschaft in Alarm, und wir alle gehen mit dir zugrunde. Hab Erbarmen mit uns und denke doch an die Gem├Ąldegalerie oder an das Bad!" Giton aber machte mir wegen dieser Worte Vorw├╝rfe, Giton, der liebensw├╝rdige Junge: ich t├Ąte Unrecht, dass ich den ├Ąlteren Herrn ausschelte und dabei die Pflicht des Wirtes verletzte. Ich sollte doch nicht, was ich ihm mit Freundlichkeit geleistet h├Ątte, durch Beleidigungen wieder zunichte machen. Und so brachte er noch viele Beweise seiner Bescheidenheit und Ehrerbietung vor, die vorz├╝glich zu seiner Sch├Ânheit stimmten. <...>

(94,1) [Eumolpus ad Gitonem:] "O felicem", inquit, "matrem tuam, quae te talem peperit: macte virtute esto. Raram fecit mixturam cum sapientia forma. Itaque ne putes te tot verba perdidisse, amatorem invenisti. (94,2) Ego laudes tuas carminibus implebo. Ego paedagogus et custos, etiam quo non iusseris, sequar. Nec iniuriam Encolpius accipit: alium amat." (94,3) Profuit etiam Eumolpo miles ille, qui mihi abstulit gladium; alioquin, quem animum adversus Ascylton sumpseram, eum in Eumolpi sanguinem exercuissem. (94,4) Nec fefellit hoc Gitona. Itaque extra cellam processit tanquam aquam peteret, iramque meam prudenti absentia extinxit. (94,5) Paululum ergo intepescente saevitia: "Eumolpe", inquam, "iam malo vel carminibus loquaris, quam eiusmodi tibi vota proponas. Et ego iracundus sum et tu libidinosus: vide, quam non conveniat his moribus. (94,6) Puta igitur me furiosum esse, cede insaniae, id est, ocius foras exi". (94,7) Confusus hac denuntiatione Eumolpus non quaesiit iracundiae causam, sed continuo limen egressus adduxit repente ostium cellae, meque nihil tale expectantem inclusit, exemitque raptim clavem et ad Gitona investigandum cucurrit.

94. "O begl├╝ckte Mutter," rief jener aus, "die dich geboren hat, einen solchen Menschen! Sei mir gesegnet, du Wackerer! Welch seltene Vereinigung von Klugheit und Sch├Ânheit! Glaub nicht, dass zu vergebens so viel gesprochen hast: Nein, du hast dir einen Freund erworben. Ich werde dein Lob in meinen Gedichten verk├╝nden. Als Lehrer und H├╝ter werde ich dich geleiten, auch wo du es nicht verlangst. Und damit geschieht dem Enkolpius kein Unrecht: er liebt ja einen anderen." Ein Gl├╝ck f├╝r Eumolpos, dass wir jener Soldat mein Schwert abgenommen hatte! Ich w├╝rde sonst die Wut, die ich f├╝r Askyltos angesammelt hatte, in seinem Blut gestillt haben. Und das bemerkte auch Giton. Er ging deshalb aus der Kammer, als ob er sein Wasser abschlagen wollte, und brachte durch seine Abwesenheit meine Wut klug zur Ruhe. Als sie sich ein wenig gelegt hatte, sagte ich: "Eumolpos, da will ich schon lieber, dass du sogar in Versen mit mir sprichst, als dass du dir solche W├╝nsche in den Kopf setzt. Ich brause leicht auf, und du bist sinnlich: Du begreift, dass wir bei solchen Anlagen nicht zusammenpassen. Nimm also an, ich w├Ąre in Wut, weiche meiner Raserei, das hei├čt: mach, dass du sofort hinauskommt!" Diese Androhung machte ihn so best├╝rzt, dass er gar nicht nach dem Grund meines Zornes fragte, sondern sofort die Schwelle ├╝berschritt. Dann verriegelte er pl├Âtzlich die T├╝r meiner Kammer von au├čen und sperrte mich ein, der ich auf so was nicht gefasst war, riss den Schl├╝ssel hastig an sich und lief fort, den Giton zu suchen.
(94,8) Inclusus ego suspendio vitam finire constitui. Et iam semicinctio <lecti> stantis ad parietem spondam iunxeram cervicesque nodo condebam, cum reseratis foribus intrat Eumolpus cum Gitone meque a fatali iam meta revocat ad lucem. (94,9) Giton praecipue ex dolore in rabiem efferatus tollit clamorem, me utraque manu impulsum praecipitat super lectum: (94,10) "Erras", inquit, "Encolpi, si putas contingere posse, ut ante moriaris. Prior coepi; in Ascylti hospitio gladium quaesivi. (94,11) Ego si te non invenissem, periturus per praecipitia fui. Et ut scias non longe esse quaerentibus mortem, specta invicem, quod me spectare voluisti". (94,12) Haec locutus mercennario Eumolpi novaculam rapit, et semel iterumque cervice percussa ante pedes collabitur nostros. (94,13) Exclamo ego attonitus, secutusque labentem codem ferramento ad mortem viam quaero. (94,14) Sed neque Giton ulla erat suspicione vulneris laesus, neque ego ullum sentiebam dolorem. Rudis enim novacula et in hoc retusa, ut pueris discentibus audaciam tonsoris daret, instruxerat thecam. (94,15) Ideoque nec mercennarius ad raptum ferramentum expaverat, nec Eumolpus interpellaverat mimicam mortem. Ich war also eingesperrt und entschlossen, mich zu erh├Ąngen. Und schon hatte ich den Halbgurt des an der Wand stehenden Bettes an den Pfosten gebunden und meinen Hals in die Schlinge gesteckt, als die T├╝r ge├Âffnet wurde, Eumolpos mit Giton eintrat und mich vom Rande des Verderbens wieder zur├╝ckholte. Giton zumal geriet vor Schmerz in Raserei, erhob ein Geschrei, packte mich mit beiden H├Ąnden und warf mich auf das Bett. "Du irrst dich, Enkolpius," rief er, "wenn du glaubst, dass dir vor mir zu sterben gl├╝cken k├Ânnte! Ich war schon fr├╝her dazu bereit, habe deshalb in der Herberge des Askyltos nach einem Schwert gesucht. H├Ątte ich dich nicht gefunden, so wollte ich mich durch einen Sturz von der H├Âhe hinab ums Leben bringen. Wer den Tod sucht, dem ist er auch nicht ferne. Schau hier, welchen Anblick du mir bereiten wolltest!" Mit diesen Worten entriss er dem Lohndiener des Eumolpos ein Rasiermesser, fuhr sich damit einmal, zweimal ├╝ber die Kehle und brach vor unseren F├╝├čen zusammen. Ich schrie auf in meinem Schreck, st├╝rzte mich auf ihn und suchte mit demselben Ger├Ąt den Tod. Aber an Giton war keine Spur einer Wunde zu sehen, und auch ich empfand keinen Schmerz. Es war n├Ąmlich ein grobes Messer und zu dem Zweck stumpf gelassen, die Schneide so hergerichtet, dass die Lehrlinge damit ein keckes Rasieren lernen sollten. Deshalb war auch der Diener nicht erschreckt, als ihm das Messer entrissen wurde, und deshalb hatte auch Eumolpos gegen den Theatermord nicht Einspruch erhoben.
2. Schl├Ągerei in der Gastst├Ątte. Vers├Âhnung (95-96)

(95,1) Dum haec fabula inter amantes luditur, deversitor cum parte cenulae intervenit, contemplatusque foedissimam iacentium volutationem: (95,2) "Rogo", inquit, "ebrii estis an fugitivi an utrumque? Quis autem grabatum illum erexit, aut quid sibi vult tam furtiva molitio? (95,3) Vos mehercules ne mercedem cellae daretis, fugere nocte in publicum voluistis. Sed non impune. Iam enim faxo sciatis non viduae hanc insulam esse sed Marci Mannicii". (95,4) Exclamat Eumolpus: "Etiam minaris?" simulque os hominis palma excussissima pulsat. (95,5) Ille ÔÇátot hospitum potionibus liberÔÇá urceolum fictilem in Eumolpi caput iaculatus est solvitque clamantis frontem et de cella se proripuit. (95,6 Eumolpus contumeliae impatiens rapit ligneum candelabrum sequiturque abeuntem et creberrimis ictibus supercilium suum vindicat. (95,7) Fit concursus familiae hospitumque ebriorum frequentia. Ego autem nactus occasionem vindictae Eumolpum excludo, redditaque scordalo vice sine aemulo scilicet et cella utor et nocte.

95. W├Ąhrend sich diese Trag├Âdien zwischen den Liebende abspielte, kam unser Gastwirt mit einigen seiner Tischgenossen hinzu, betrachtete den scheu├člichen Kn├Ąuel, der am Boden Liegenden und sagte: "Seid dir besoffen? Seid ihr fl├╝chtige Spitzbuben? Oder seid ihr beides? Wer hat denn das Bettgestell aufgerichtet? Was soll denn diese ganze Gaunerwirtschaft? Ihr habt gewiss in der Nacht ausr├╝cken wollen, um die Miete zu sparen. Das soll euch aber schlecht bekommen! Ich will euch lehren, dass der Herr dieses Mietshauses keine Witwe ist, sondern Manlius Mannicius." Das schrie Eumolpos: "Was, sogar Drohungen?" Und damit gab er dem Kerl mit flacher Hand eine wuchtige Ohrfeige. Der warf dem Eumolpos einen irdenen Weinkrug, den der flei├čige Zuspruch so vieler G├Ąste gelehrt hatte, an den Kopf, schlug ihm damit ein Loch in die Stirn und lief beim Schreien des Verletzten zur T├╝r hinaus. Eumolpos aber k├╝mmerte sich nicht um seine Wunde, packte einen h├Âlzernen Lampenst├Ąnder, verfolgte den Fl├╝chtigen und r├Ąchte seine Stirn mit einer Tracht Pr├╝gel. Da entstand ein Get├╝mmel des Hausgesindes und ein Gedr├Ąnge der betrunkene G├Ąste. Ich aber fand Gelegenheit, mich von Eumolpos zu befreien, und verschloss meine T├╝r vor ihm. Da ich so den Zankteufel los war, genoss ich nat├╝rlich ohne Nebenbuhler die Freuden der Kammer und der Nacht.
(95,8) Interim coctores insulariique mulcant exclusum, et alius veru extis stridentibus plenum in oculos eius intentat, alius furca de carnario rapta statum proeliantis componit. Anus praecipue lippa, sordidissimo praecincta linteo, soleis ligneis imparibus imposita, canem ingentis magnitudinis catena trahit instigatque in Eumolpon. (95,9) Sed ille candelabro se ab omni periculo vindicabat. Inzwischen machen sich die W├Ąchter und Hausbewohner ├╝ber den Ausgesperrten her: der eine geht auf seine Augen los mit einem Bratspie├č, an dem noch siedend hei├če Fleischst├╝cke h├Ąngen, der andere kreist einen Feuerhaken von der Fleischerbank und nimmt die Haltung eines Fechters ein. Besonders tat sich ein altes, trief├Ąugiges Weib hervor. Sie hatte ein schmutziges Laken um, ungleiche Holzpantoffel an den F├╝├čen, f├╝hrte einen Riesenk├Âter an der Kette heran und hetzte ihn auf Eumolpos. Der aber hielt sich mit dem Lampenst├Ąnder alle Gefahr vom Leib.

(96,1) Videbamus nos omnia per foramen valvae, quod paulo ante ansa ostioli rupta laxaverat, favebamque ego vapulanti. (96,2) Giton autem non oblitus misericordiae suae reserandum esse ostium succurrendumque periclitanti censebat. (96,3) Ego durante adhuc iracundia non continui manum, sed caput miserantis stricto acutoque articulo percussi. (96,4) Et ille quidem flens consedit in lecto. Ego autem alternos opponebam foramini oculos iniuriaque Eumolpi velut quodam cibo me replebam advocationemque commendabam, cum procurator insulae Bargates a cena excitatus a duobus lecticariis mediam rixam perfertur; nam erat etiam pedibus aeger. (96,5) Is ut rabiosa barbaraque voce in ebrios fugitivosque diu peroravit, respiciens ad Eumolpon: (96,6) "O poetarum", inquit, "disertissime, tu eras? Et non discedunt ocius nequissimi servi manusque continent a rixa?" <...>

(96,7) [Bargates procurator ad Eumolpum:] "Contubernalis mea mihi fastum facit. Ita, si me amas, maledic illam versibus, ut habeat pudorem".

96. Wir konnten das alles durch einen Spalt des T├╝rfl├╝gels beobachten, der kurz vorher durch das Losbrechen des Riegels entstanden war, und ich hatte meine Freunde an seiner Verpr├╝gelung. Giton aber wollte, weichherzig wie er war, die T├╝r aufrei├čen und ihm in seiner Not beistehen. Da konnte ich bei meiner noch vorhaltenden Wut meine Hand nicht z├╝geln und pochte dem ├ärmsten mit einem scharfen Fingerhieb auf den Kopf. Und da setzte er sich auf das Bett und weinte. Ich aber hielt bald das eine, bald das andere Auge an die Spalte und genoss die Misshandlung des Eumolpos wie irgend eine Speise, war auch einverstanden damit, dass man Entscheidung herbeirief, als n├Ąmlich Bargates, der Verwalter dieses H├Ąuserblocks, von seinem Abendessen herbeigerufen, von zwei S├Ąnftentr├Ągern mitten unter die Streitenden getragen wurde. Er hatte n├Ąmlich Podagra. Der wetterte mit seiner rasenden, barbarischen Stimme erst lange Zeit gegen die Betrunkenen und Fl├╝chtenden los, warf dann einen Blick auf Eumolpos und fragte: "Du bist es gewesen, du Meister der Dichter? Und die verfluchten Sklaven machen sich nicht schneller aus dem Staub und lassen nicht die H├Ąnde von der Rauferei mit dir?"

"Mein Ehegespons behandelt mich mit ├ťbermut. Tu mir die Liebe und mache ein Spottgedicht auf sie, dass sie sich sch├Ąmen muss."

(97,1) Dum Eumolpus cum Bargate in secreto loquitur, intrat stabulum praeco cum servo publico aliaque <non> sane modica frequentia; facemque tumosam magis quam lucidam quassans haec proclamavit: (97,2) "Puer in balneo paulo ante aberravit, annorum circa XVI, crispus, mollis, formosus, nomine Giton. Si quis eum reddere aut commonstrare voluerit, accipiet nummos mille". (97,3) Nec longe a praecone Ascyltos stabat amictus discoloria veste, atque in lance argentea indicium et fidem praeferebat. (97,4) Imperavi Gitoni, ut raptim grabatum subiret annecteretque pedes et manus institis, quibus sponda culcitam ferebat, ac sic, ut olim Ulixes ÔÇáproÔÇá arieti adhaesisset, extentus infra grabatum scrutantium eluderet manus. (97,5) Non est moratus Giton imperium, momentoque temporis inseruit vinculo manus et Ulixem astu simillimo vicit. (97,6) Ego ne suspicioni relinquerem locum, lectulum vestimentis implevi uniusque hominis vestigium ad corporis mei mensuram figuravi.

97. W├Ąhrend Eumolpos und Bargates geheime Zwiesprache halten, tritt ein Ausrufer mit einem Amtsdiener und sonstigem <nicht gerade> m├Ą├čigen Anhang in die Herberge ein, sch├╝ttelt eine mehr rauchende als leuchtende Fackel und ruft aus: "Ein Knabe hat sich k├╝rzlich im Bad verirrt, sechzehn Jahre alt, Lockenkopf, zart, sch├Ân, namens Giton. Wer ihn beibringen oder nachweisen sollte, erh├Ąlt tausend Mark." Nicht weit von dem Ausrufer stand Askyltos in einem mehrfarbigen Kost├╝m und trug eine silberne Schale, zu seiner Legitimation und zugleich als Belohnung. Ich befahl den Giton, flink unter mein Bett zu kriechen und sich mit den H├Ąnden und F├╝├čen an die Gurte zu klammern, mit denen das Bett die Matratze trug, so dass er sich wie einst Odysseus unter dem Widder des Kyklopen festhalte, um, unter dem Bett ausgestreckt, den H├Ąnden der Sucher zu entgehen. Giton lie├č sich das nicht zweimal sagen und steckte im Nu H├Ąnde und F├╝├če in die Gurte, wobei er den Odysseus mit einer v├Âllig gleichen Art von List noch ├╝bertraf. Um allen Verdacht unm├Âglich zu machen warf ich noch Kleidungsst├╝cke in Massen auf das Bett und presste die K├Ârperspuren meiner Gr├Â├če ein.
3. Hausdurchsuchung. Aufbruch zu Seefahrt nach Tarent (97-99)
(97,7) Interim Ascyltos, ut pererravit omnes cum viatore cellas, venit ad meam, et hoc quidem pleniorem spem concepit, quo diligentius oppessulatas invenit fores. (97,8) Publicus vero servus insertans commissuris secures claustrorum firmitatem laxavit. (97,9) Ego ad genua Ascylti procubui, et per memoriam amicitiae perque societatem miseriarum petii, ut saltem ostenderet fratrem. Immo ut fidem haberent fictae preces: "Scio te", inquam, "Ascylte, ad occidendum me venisse. Quo enim secures attulisti? Itaque satia iracundiam tuam: praebeo ecce cervicem, funde sanguinem, quem sub praetextu quaestionis petisti".(97,10) Amolitur Ascyltos invidiam et se vero nihil aliud quam fugitivum suum dicit quaerere, nec mortem hominis concupisse [nec] supplicis, utique eius, quem <etiam> post fatalem rixam habu<isse>t carissimum. Nachdem inzwischen Askyltos mit dem Stra├čenw├Ąchter alle R├Ąume durchsucht hatte, kam er auch zu meiner Kammer und sch├Âpfte umso mehr Hoffnung, je sorgsamer er sie verriegeln fand. Der Amtsdiener zw├Ąngte aber sein Beil in die Fugen und brach den Verschluss auf. Da warf ich mich dem Askyltos zu F├╝├čen und bat ihn unter Berufung auf unsere Freundschaft und auf unser gemeinsam bestandenes Ungl├╝ck, mir meinen Bruder doch wenigstens zu zeigen. Ja, um meine erheuchelten Bitten glaubw├╝rdig zu machen, sagte ich: "Askyltos, ich wei├č, dass du gekommen bist, um mich zu t├Âten. Wozu sonst h├Ąttest du Beile mitgebracht? Nun, so s├Ąttige deine Wut! Ich biete dir meinen Nacken, vergie├če mein Blut, nach dem du unter dem Vorwand einer Haussuchung trachtest!" Askyltos wies den Verdacht der Feindseligkeiten ab, er suche wahrhaftig nichts anderes als seinen Ausrei├čer, sein Sinn st├╝nde nicht auf Mord und Strafe, zumal nicht des Mannes, der ihm auch nach dem fatalen Streit immer noch der liebste gewesen sei.

(98,1) At non servus publicus tam languide agit, sed raptam cauponi harundinem subter lectum mittit, omniaque etiam foramina parietum scrutatur. Subducebat Giton ab ictu corpus, et reducto timidissime spiritu ipsos sciniphes ore tangebat. <...>

98. Aber der Beamte machte keine gro├čen Umst├Ąnde, holte sich vom Gastwirt ein Rohr, fuhr damit unter das Bett und durchst├Âberte alle Winkel der Kammer. Giton wich seinem St├Â├čen aus und hielt in seiner entsetzlichen Angst den Atem so an, dass sich selbst die kleinsten Gnitzen auf seinen Mund setzen konnten. <...>

(98,2) Eumolpus autem, quia effractum ostium cellae neminem poterat excludere, irrumpit perturbatus et: "Mille", inquit, "nummos inveni; iam enim persequar abeuntem praeconem et in potestate tua esse Gitonem meritissima proditione monstrabo". (98,3) Genua ego perseverantis amplector, ne morientes vellet occidere, et: "Merito", inquam, "excandesceres, si posses perditum ostendere. Nunc inter turbam puer fugit, nec, quo abierit, suspicari possum. Per fidem, Eumolpe, reduc puerum et vel Ascylto redde". (98,4) Dum haec ego iam credenti persuadeo, Giton collectione spiritus plenus ter continuo ita sternutavit, ut grabatum concuteret. (98,5) Ad quem motum Eumolpus conversus salvere Gitona iubet. Remota etiam culcita videt Ulixem, cui vel esuriens Cyclops potuisset parcere. (98,6) Mox conversus ad me: "Quid est", inquit, "latro? Ne deprehensus quidem ausus es mihi verum dicere. Immo ni deus quidam humanarum rerum arbiter pendenti puero excussisset indicium, elusus circa popinas errarem."

Da die erbrochene T├╝r niemanden mehr aus meiner Kammer ausschlie├čen konnte, kam Eumolpos hereingest├╝rzt und rief in gro├čer Erregung: "Ich habe tausend Mark gefunden: ich werde n├Ąmlich dem Ausrufer nachlaufen, der hier war, und ihm mit ├╝berzeugenden Gr├╝nden nachweisen, dass Giton in deinem Besitz ist." Da er sich davon nicht abbringen lie├č, umklammerte ich seine Knie, er solle doch die Halbtoten nicht vollends umbringen: "Du w├╝rdest dich", sagte ich, "mit Recht entr├╝sten, wenn du wirklich den Nichtsnutz vorf├╝hren k├Ânntest, aber soeben ist der Bengel in dem Trubel davongelaufen, und ich habe keine Ahnung, wohin. Hab die G├╝te und bring ihn mir wieder oder ├╝bergib ihn meinetwegen dem Askyltos." Ich hatte ihn schon so weit, dass er das glaubte, da nieste Giton dreimal hintereinander so laut, dass das Bett werkelte: der angehaltene Atem hatte ihn so aufgeblasen. Auf dieses Ger├Ąusch wandte sich um Eumolpos dem Bett zu und rief: "Prosit, Giton!" deckte die Matratze auf und erblickte einen so sch├Ânen Odysseus, dass sich sogar der hungrige Kyklop an ihm nicht h├Ątte vergreifen k├Ânnen. Darauf an wandte er sich zu mir und sagte: "Du Bandit, was soll das? Selbst abgefasst, willst du mir nicht die Wahrheit gestehen? Wahrhaftig, wenn Gott, der Richter ├╝ber alles Menschliche, dem da h├Ąngenden Knaben nicht ein Zeichen abgen├Âtigt h├Ątte, dann k├Ânnte ich jetzt zum Gesp├Âtt alle Kneipen absuchen."
(98,7) Giton, longe blandior quam ego, primum araneis oleo madentibus vulnus, quod in supercilio factum erat, coartavit. Mox palliolo suo laceratam mutavit vestem, amplexusque iam mitigatum, osculis tanquam fomentis aggressus est et: (98,8) "In tua", inquit, "pater carissime, in tua sumus custodia. Si Gitona tuum amas, incipe velle servare. (98,9) Utinam me solum inimicus ignis hauriret aut hibernum invaderet mare. Ego enim omnium scelerum materia, ego causa sum. Si perirem, conveniret inimicis." <...> Giton, der sich viel besser als ich auf das Schmeicheln verstand, nahm zun├Ąchst ein in ├ľl getauchtes Spinnengewebe und presste es ihm auf seine Stirnwunde oberhalb der Augenbrauen. Dann tauschte er seinen kleinen Mantel mit dem zerrissenen Rock des anderen. Er lie├č sich schnell bes├Ąnftigen. Dann st├╝rzte er sich ├╝ber ihn, dr├╝ckte ihn an sich und best├╝rmte ihn mit K├╝ssen, als Balsam (f├╝r seine Schmerzen) und rief aus: "Du, mein Herzensvater, wir sind in deiner, ja in deiner Obhut. Wenn du deinen Giton lieb hast, dann fasse auch den Willen, ihn zu erretten! Ach, wenn mich doch ein strafendes Feuer verschlingen, oder das st├╝rmische Meer fortrei├čen wollte! Denn ich bin Anlass zu allen Untaten, ich die Ursache. Mein Untergang w├╝rde die Verfeindeten wieder auss├Âhnen."

(99,1) [Eumolpus:] "Ego sic semper et ubique vixi, ut ultimam quamque lucem tanquam non redituram consumerem". <...>

99. "Ich habe jederzeit und jeden Ortes so gelebt, das ich jeden neuen Tag als unwiederbringlich genoss."
(99,2) Profusis ego lacrimis rogo quaesoque, ut mecum quoque redeat in gratiam: neque enim in amantium esse potestate furiosam aemulationem. Daturum tamen operam, ne aut dicam aut faciam amplius, quo possit offendi. Tantum omnem scabitudinem animo tanquam bonarum artium magister delevet sine cicatrice." (99,3) Incultis asperisque regionibus diutius nives haerent, ast ubi aratro domefacta tellus nitet, dum loqueris, levis pruina dilabitur. Similiter in pectoribus ira considit: feras quidem mentes obsidet, eruditas praelabitur. ÔÇö (99,4) Ut scias, inquit Eumolpus, verum esse, quod dicis, ecce etiam osculo iram finio. Itaque, quod bene eveniat, expedite sarcinulas et vel sequimini me vel, si mavultis, ducite". (99,5) Adhuc loquebatur, cum crepuit ostium impulsum, stetitque in limine barbis horrentibus nauta et: "Moraris", inquit, "Eumolpe, tanquam ÔÇápropudium <esse>ÔÇá ignores". (99,6) Haud mora, omnes consurgimus, et Eumolpus quidem mercennarium suum iam olim dormientem exire cum sarcinis iubet. Ego cum Gitone, quicquid erat, in alutam compono, et adoratis sideribus intro navigium. <...> Nachdem ich einen Strom von Tr├Ąnen vergossen hatte, bat ich ihn inst├Ąndig, dass er sich mit mir wieder auss├Âhnen m├Âchte: es stehe ja nicht in der Macht des Verliebten, die Leidenschaft der Eifersucht zu z├Ąhmen. Ich w├╝rde mir alle M├╝he geben, nichts wieder zu sagen und zu tun, was ihn verletzen k├Ânnte. Nur sollte er alles Rauhe, gleichsam die Narben, als Meister edler Bildung aus seinem Herzen tilgen lassen. "Auf ungepflegtem, rauhem Boden haftet der Schnee l├Ąnger, wo dagegen der Boden, vom Pflug in Kultur genommen, glatt liegt, da schmilzt der lockere Schnee, w├Ąhrend wir sprechen. Ebenso verh├Ąlt es sich mit dem Zorn im Herzen: bei roher Sinnesart haftet er fest, bei gesitteter gleitet er ab." Da sagte Eumolpos: "Sieh, zum Zeugnis, dass du Recht hast, will ich sogar mit einem Kuss meinen Zorn abtun. Also, Gl├╝ck und Segen! Richtet euer Gep├Ąck her und kommt mit mir, oder, wenn ihr es lieber wollt, so f├╝hrt mich!" Soweit hatte er gesprochen, als an die T├╝r gepocht wurde und sich ein Schiffer mit struppigem Bart auf der Schwelle zeigte. "Du tr├Âdelst, Eumolpos," sagte er, "als w├╝sstest du nicht, dass sich der Tag naht." Ohne Verzug standen wir alle auf, und Eumolpos gab seinem Lohndiener, der schon l├Ąngst schlief, den Befehl, mit dem Gep├Ąck loszuziehen. Ich machte mit Giton unser Hab und Gut reisefertig, flehte den Schutz der Gestirne an und bestieg das Schiff.
   
Übersetzung: nach L. Gurlitt  
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Sententiae excerptae:
w35
1863 Amica vincit uxorem.
  Lieber eine Freundin als eine Gattin.
  Petron.93,2
1869 In amantium potestate non est furiosa aemulatio
  Es steht nicht in der Macht des Verliebten, die Leidenschaft der Eifersucht zu z├Ąhmen.
  Petron.99,2
1870 Incultis asperisque regionibus diutius nives haerent.
  Auf ungepflegtem, rauhem Boden haftet der Schnee l├Ąnger.
  Petron.99,3
1871 Ira feras quidem mentes obsidet, eruditas praelabitur
  Zorn haftet bei roher Sinnesart fest, bei gesitteter gleitet er ab.
  Petron.99,3
1866 Macte virtute esto!
  Sei mir gesegnet, du Held!
  Petron.94,1
1861 Magis expedit inguina quam ingenia fricare.
  Mehr richtet man aus, wenn man das Glied statt den Geist bem├╝ht.
  Petron.92,11
1867 Non longe est quaerentibus mors.
  Dem, der den Tod sucht, ist er nicht fern.
  Petron.94,11
1865 Quicquid quaeritur, optimum videtur.
  Am wertvollsten erscheint, was man erst suchen muss.
  Petron.93,2
1864 Rosa cinnamum veretur.
  Die Rose f├╝rchtet den Duft des Zimts.
  Petron.93,2
1868 Sic semper et ubique vive, ut ultimam quamque lucem tanquam non redituram consumas!
  Lebe jederzeit und jeden Ortes so, das du jeden neuen Tag als unwiederbringlich genie├čt.
  Petron.99,1
1862 Vile est, quod licet, et animus errore laetus iniurias diligit
  Das Erlaubte steht niedrig im Kurs, und aus Freude am Irrtum sch├Ątzt man das Verbotene.
  Petron.93,1
Literatur:

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Petrons Satiricon als Spiegel zeitgen├Âssischer literarischer und sozialer Ereignisse
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Ausdrucks- und Darstellungstndenzen in den urbanen Erz├Ąhlungspartien von Petons Satyricon
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4035  Rosenbl├╝th, M.
Beitr├Ąge zur Quellenkunde von Petrons Satiren
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4036  Salonius, A.H.
Die Griechen und das Griechische in Petrons Cena Trimalchionis
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4037  Scheidweiler, F.
Beitr├Ąge zur Kritik und Erkl├Ąrung Petrons
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4038  Schissel von Fleschenberg, O.
Die k├╝nstlerische Absicht in Petrons Satiren
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4014  Schnur, H.C.
Petron. Saxtyricon. Ein rmischer Schelmenroman, ├╝bersetzt und erl├Ąutert v. Harry C. Schnur
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4013  Sch├Ânberger, O
Petronius. Satyrgeschichten, lateinisch und deutsch v. O.Sch├Ânberger
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Der Werwolf und die Hexen. Zwei Schauerm├Ąrchen bei Petronius
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Petron 118,3
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4041  Stefenelli, A.
Die Volkssprache im Werk des Petron im Hinblick auf die romanischen Sprachen
Wien 1962
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4042  Stoecker, Ch.
Humor bei Petron
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Die Verseinlagen im Petron
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Petronius' Satyticon and its Neronian Conrext
in: ANRW II 32.2 (1985) 1666-1686
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Petron 39 und die Astrologie
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4045  Walsh, P.G.
Eumolpus, the Halosis Troiae, and the De Bello Civili
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R├Âmische Satiren. Mit einem Essay zum Verst├Ąndnis der Werke
Hamburg 1962
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4047  Zeitlin, F.I.
Romanus Petronius. A Study of the Troia Halosis and the Bellum Civile
in: Latomus 30,1971,56-82
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