Lateinische Übungstexte zu Senecas Briefen mit einer wörtlichen deutschen Übersetzung und Anmerkungen. 

Besonders zur Vorbereitung auf das Latinum 

(Sen.epist.119,12)

 

Sen.epist.119,12ff

Der Reichtum und die Bedürfnisse des Menschen

Seneca Lucilio suo salutem.

Illi sic divitias habent, quomodo habere dicimur febrim, cum illa nos habeat. E contrario dicere solemus: febris illum tenet. Eodem modo dicendum est: divitiae illum tenent. Nihil ergo monuisse te malim quam hoc, quod nemo monetur satis, ut omnia naturalibus desideriis metiaris, quibus aut gratis satis fiat aut parvo. Quaeris, quali mensa, quali argento, quam levibus ministeriis adferatur cibus? Nihil praeter cibum natura desiderat. Num, tibi cum fauces urit sitis, aurea quaeris pocula? Num esuriens fastidis omnia praeter pavonem rhombumque?
Ambitiosa non est fames. Infelicis luxuriae ista tormenta sunt: quaerit, quemadmodum post saturitatem quoque esuriat, quemadmodum non impleat ventrem, sed farciat, quemadmodum sitim prima potione sedatam revocet. Egregie itaque Horatius negat ad sitim pertinere, quo poculo aqua aut quam eleganti manu ministretur. Nam si pertinere ad te iudicas, quam crinitus puer et quam perlucidum poculum tibi porrigat, non sitis. Inter reliqua hoc nobis praestitit natura praecipuum, quod necessitati fastidium excussit. Recipiunt supervacua dilectum: hoc parum decens, illud parum laudatum, oculos hoc meos laedit. Id actum est ab illo mundi conditore, qui nobis vivendi iura discripsit, ut salvi essemus,non ut delicati. Ad salutem omnia parata sunt et in promptu, deliciis omnia misere ac sollicite comparantur. Utamur ergo hoc naturae beneficio!

Seneca grüßt seinen Lucilius,

jene haben den Reichtum so, wie man von uns sagt, dass wir Fieber haben, während jenes uns hat. Hingegen pflegen wir zu sagen: das Fieber hält jenen fest. Auf dieselbe Weise muss gesagt werden: der Reichtum hält jenen fest. An nichts also möchte ich Dich lieber erinnert haben als an dieses (b. daran), an was (b. woran) niemand genug erinnert wird, (nämlich) dass Du (man) alles nach den natürlichen Bedürfnissen (Wünschen) messen sollst (soll) (beurteilen sollst/ beurteilen soll), denen entweder umsonst Genüge getan wird oder zu einem geringen Preis. Du fragst, auf welchem Tisch, in welchem Geschirr, von wie behenden Dienern die Speise gebracht wird? Nichts außer Nahrung wünscht die Natur. Suchst Du etwa, wenn Dir der Durst die Kehle verbrennt, nach vergoldeten Bechern? Verschmähst Du, wenn Du Hunger hast, alles außer Pfau und Steinbutt?
Anspruchsvoll (w. ehrgeizig) ist der Hunger nicht. Die Qualen der unseligen Genusssucht sind diese: sie fragt, wie sie auch nach der Sättigung Hunger hat, wie sie den Bauch nicht anfüllt, sondern voll stopft, wie sie den Durst, der durch den ersten Trank gestillt wurde, neu aufleben lässt (w. zurückruft). Ausgezeichnet sagt daher Horaz, dass es nichts mit (dem) Hunger zu tun hat (habe), in welchem Becher oder mit wie eleganter Hand(bewegung) das Wasser serviert wird. Denn wenn Du urteilst, dass es mit Dir zu tun hat, (ein) wie frisiert(er) der Knabe einen wie durchsichtigen Becher Dir reicht, (so) hast du keinen Durst. Unter anderem (w. unter den übrigen / anderen Dingen) hat die Natur uns dies besonders gegeben, dass sie dem notwendigen Bedürfnis den Ekel ausgetrieben hat. Überflüssige Dinge lassen (w. nehmen an) eine Auswahl zu: dies (ist) zu wenig schicklich, jenes zu wenig gepriesen, dies verletzt (beleidigt) meine Augen. Dies ist von jenem Gründer der Welt, der uns die Rechte (b. die Gesetze) des Lebens zugeteilt hat, eingerichtet (vollbracht) worden, dass wir wohlbehalten seien, nicht dass wir genusssüchtig seien. Zu (unserem) Wohl ist alles bereit und zur Hand, für die Genusssucht wird alles mühselig und unter Sorgen beschafft. Lasst uns also Gebrauch machen von dieser Wohltat der Natur!

illi: gemeint sind die Reichen. - monere aliquem aliquid h.: "jemanden an etw. erinnern" - gratis ... parvo (pretio): "umsonst ... billig (w. zu einem geringen Preis)" - ministerium, i n. h.: "Diener" - levis, e h.: "behend" - fastidire: "verschmähen" - pavo, onis m.: "Pfau" - rhombus, im.: "Steinbutt" - saturitas, atis f.: "Sättigung" - farcire: "vollstopfen" - pertinere ad + Akk.: "sich beziehen auf; zu tun haben mit" - crinitus, a, um: "frisiert" - sitis: 2.Pers.Sg.Ind.Präs.Akt. zu sitire - necessitas, atis f. "Notwendigkeit, notwendiges Bedürfnis" - supervacua n.Pl.: "überflüssige Dinge" - deliciis: Dat.Pl.

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